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27.12.2010

Schonzeit für alle Wildtiere gefordert

SCHWEIZ – Die Schweizer Jagdgesetzgebung sieht nicht für alle Wildtiere Schonzeiten vor. Sie nimmt in Kauf, dass verwaiste Jungtiere elendiglich umkommen. Im Rahmen der Revision der Verordnung über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSV) fordert der STS eine Schonfrist für alle jagdbaren Arten.

Reh, Rehbock

Artikel 5 des Bundesgesetzes über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG) definiert für eine auserwählte Gruppe jagdbarer Tierarten Schonfristen während der Zeit der Jungenaufzucht (und teilweise der Wintermonate). Je nach Art dauert diese Schonfrist zwischen drei (Reh, Fuchs) und zehn Monaten (Murmeltier, Wildhuhn). Andere Arten – beispielsweise die Elster oder der Waschbär – sind ganzjährig jagdbar. Haben sie keine Schonung verdient?

Diskriminierende Gesetzgebung

Die Unterscheidung in Arten, die eine Schonfrist «verdienen» und den vogelfreien Rest ist geprägt von einer überholten Mentalität: hier das klassische Hoch- und Niederwild sowie das einheimische Haarraubwild – dort die «Plagen», namentlich die Rabenvögel und «Faunenfremdlinge». Es wird unterschieden zwischen angeblich nützlichen und schädlichen Arten, zwischen einheimisch und fremd. Doch weder die eine noch die andere Unterscheidung ist konsequent, geschweige denn ökologisch sinnvoll. Ungerecht sind beide.??

Überholte Denkweisen

«Neue Arten hat es immer gegeben», schreibt Professor Josef Reichholf, Botschafter der Deutschen Wildtier Stiftung, in seinem kürzlich erschienenen Buch «Naturschutz – Krise und Zukunft» (2010). Gemäss Reichholf ist es gar nicht so einfach, ureinheimische Arten ausfindig zu machen. Was heute als einheimisch gilt, war unseren (Ur-)Grosseltern noch fremd. So gehören weder Sikahirsch, Mufflon, Türkentaube noch Fasan zur ursprünglichen Wildfauna der Schweiz – und doch werden sie alle als jagdbares Wild geführt und geniessen spezifische Schonzeiten. Warum also sollten Neuankömmlinge wie der Waschbär ganzjährig jagdbar sein? ??Die Einteilung der Tierwelt in so genannte Nützlinge und Schädlinge ist nicht nur anthropozentrisch, sondern auch ökologisch unhaltbar. Wissenschaftliche Arbeiten haben zum Beispiel längst ergeben, dass Rabenvögel keine ernst zu nehmende Bedrohung für die Bestände anderer Vögel darstellen. Eine Bejagung mit der Begründung der «Schädlingskontrolle» erfolgt also ohne sachliche Grundlage! Und wie sieht es mit dem Waschbären aus, der ursprünglich aus Nordamerika stammt???

Der Waschbär ist längst Europäer

In seiner amerikanischen Heimat hat der Waschbär keine natürlichen Feinde, welche seine Bestände wirksam kontrollieren würden. Die Jungensterblichkeit durch Seuchen und Parasiten ist dagegen sehr hoch. Dem Waschbären gefällt es offenbar sehr gut in Mitteleuropa, denn er breitet sich trotz aktuell starker Bejagung in Deutschland (jährlich werden gegen 55 000 Tiere erlegt!) immer noch aus – auch in die Schweiz.??Als Allesfresser besetzt er eine ähnliche ökologische Nische wie der Europäische Dachs, ist aber stärker an Gewässer gebunden und tritt in Europa hauptsächlich in Siedlungsgebieten auf. Eine Bedrohung einheimischer Arten konnte bislang nicht festgestellt werden, obschon es in Mitteleuropa Waschbären in grösserer Anzahl schon seit den 50er-Jahren gibt! In Deutschland wird er unterdessen als «einheimische » Art betrachtet, und erste Länder gestehen den Muttertieren Schonzeiten zu. Es gibt also keinen Grund, Waschbären zu Freiwild zu erklären!??

Verwaiste Jungtiere sterben elendiglich

Dasselbe gilt eigentlich für alle so genannt «schädlichen» Arten. Ihre Schädlichkeit ist oft mehr Volksglaube als Realität. Das ausreichende Vorhandensein geeigneter Lebensräume und die Populationsdynamik (Seuchen, Migration, Stress) regulieren ihre Bestände. Ein hoher Jagddruck ist nicht nur wirkungslos, sondern oft sogar kontraproduktiv: bei anpassungsfähigen Arten in optimalen Lebensräumen führt er sogar zu erhöhter Fruchtbarkeit und damit zu insgesamt wachsenden Beständen! Die Bejagung während der Zeit der Jungenaufzucht ist aber eine tierethisch nicht vertretbare Grausamkeit: Wird das säugende Muttertier erschossen oder ein Ernährer der Familie getötet, verhungern oder erfrieren die von der elterlichen Fürsorge abhängigen Jungtiere elendiglich. Sie müssen sterben, bevor sie überhaupt eine reelle Chance hatten, das Leben alleine zu meistern.??

Ehrensache

Dass den jagdbaren Tierarten eine mehrmonatige Schonzeit zugestanden wird, ist eigentlich weidmännische Ehrensache: das Wild soll ja auch Rückzugsmöglichkeiten haben (Schonzonen), und Jungtiere sollen nicht ihrer Eltern beraubt werden (Schonzeiten). Unlautere Jagdmethoden werden von verantwortungsbewussten Jägern geächtet. Dem Tier wird durch diesen Ehrenkodex eine realistische Überlebenschance gewährt und Achtung vor seinen Bedürfnissen entgegengebracht. Auch aus diesem Grund sollten Schonzeiten für alle jagdbaren Tierarten selbstverständlich sein!

Quelle: Tierschutznews.ch



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