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Alternative Tiermedizin auf dem Vormarsch

Eine immer grössere Anzahl Tierhalter vertraut nebst der klassischen Tiermedizin alternativen Heilmethoden. Sei dies die Homöopathie, Phytotherapie oder Akupunktur. «Welt der Tiere» macht den Auftakt zu einer Serie von Beiträgen zu diesem spannenden, aber auch kontrovers diskutierten Thema mit einem ersten Beitrag zur Tierhomöopathie.

Karin Haenni Eichenberger in Zusammenarbeit mit Lotti Egli

 

Die Grundprinzipien der Homöo­pathie wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom deutschen Arzt, medizinischen Schriftsteller und Übersetzer Christian Friedrich Samuel Hahnemann formuliert und von ihm in seiner umfangreichen Praxis angewendet und weiterentwickelt. Kern der Homöopathie ist das bereits in der Antike bekannte Ähnlichkeitsprinzip, welches von Hahnemann aufgegriffen und in eine systematische Form gebracht wurde. Er erkannte, dass ein Arzneimittel nur solche Krankheitszustände zu heilen vermag, welche es bei einem gesunden Menschen im Arzneimittelversuch auch hervorrufen kann. Samuel Hahnemann gab diesem Heilprinzip den Namen Homöo-Pathie (griech.: homoios pathos – ähnlich leiden) und legte dessen Grundsätze im «Organon der Heilkunst» (1. Auflage 1810) dar.

Similia similibus curentur – Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt
In seinem Bestreben, effiziente Heilmittel ohne Nebenwirkungen zu verwenden, entdeckte Hahnemann, dass die Heilkraft des gewählten Mittels zunimmt, wenn dieses in mehreren Stufen verdünnt und geschüttelt wird. Die Technik des Verdünnens und Schüttelns nannte er Potenzieren. Ein homöopathisch potenziertes Mittel wirkt auf die Lebenskraft, welche Körper, Emotionen und Geist des Patienten im Gleichgewicht halten soll. Dazu steht der Homöo­pathie ein Arzneischatz von rund 3000 Mitteln zur Verfügung.

Was ist anders bei der Tierhomöopathie
Bei der Behandlung von Tieren gelten die gleichen Behandlungsgrundlagen der klassischen Homöopathie wie bei Menschen, was die Heilmethode betrifft. Es gibt jedoch einige Besonderheiten bei der Arbeit mit Tieren. Ein individuelles Arbeiten mit dem Tierpatienten ist nur dann möglich, wenn der Tierhomöopath die Behandlungsgrundsätze der Homöo­pathie beherrscht, über tiermedizinische Kenntnisse verfügt und die zu behandelnde Tierart sehr gut kennt (Lehre vom natürlichen Verhalten/Ethologiekenntnisse).
 
Ein Tierhomöopath sollte all diese Voraussetzungen erfüllen, um das einzelne Tier mit seinen Krankheitssymptomen vom gesunden Tier der gleichen Tierart unterscheiden zu können. So kann das Tier spezifische Symptome wie brennende Schmerzen nicht wie der Mensch in Worten ausdrücken, sondern nur mit sei­nem Verhalten darauf hinweisen, indem es beispielsweise kühlere Plätze aufsucht.

Die Anamnese wird durch die Befragung des Tierbesitzers erhoben. Dabei ist es wichtig, dass der Tierbesitzer sein Tier besonders gut beobachtet, um Veränderungen genau beschreiben zu können. Eine geschulte Beobachtungsgabe ist Voraussetzung, um entscheiden zu können, welches Verhalten noch artgerecht oder bereits ein Krankheitszeichen ist und dann als Symptom gedeutet werden kann.

Die Art der Fütterung, Haltung und Beschäftigung spielt eine grosse Rolle bei der Tiergesundheit. Ein Tierhomöopath erkennt auch hier mögliche Fehlerquellen und wird den Tierhalter umfassend beraten können. Wenn die oben genannten Faktoren den Bedürfnissen des Tieres nicht entsprechen, können sie eine Verbesserung des Gesundheitszustandes erschweren.

Tierhomöopathie boomt
Stimmt das wirklich und wenn ja, weshalb? Diese und zahlreiche weitere Fragen beantwort in der Folge Frau Lotti Egli vom Homöopathieverband Schweiz HVS, wo sie unter anderem zuständig für das Thema Tierhoöpathie ist.

Stimmt es, dass immer mehr Tier­halter der Tierhomöopathie vertrauen? Ja, das stimmt absolut, immer mehr Tierhalter wählen die sanfte Heilung für ihr Tier.

Was vermuten Sie, sind die Gründe?
Viele Menschen haben bereits gute Erfahrungen mit der Homöopathie bei eigenen Krankheiten gemacht und sind überzeugt von der Heilwirkung. Diese wiederum lassen ihre Tiere homöopathisch behandeln und erzählen die Erfolge weiter. Ein anderer Grund sind
die vielen chronischen Erkrankungen, welche durch die Schulmedizin nicht mehr weiter geheilt werden können und die Tierhalter sind immer weniger bereit, ihre Tiere lebenslänglich mit Cor­tison, Antibiotika und teurem Diätfut­-ter zu behandeln. Dies steht in engem Zusammenhang mit der Zunahme von eigentlich menschlichen Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Schilddrüsen­­überfunktion, Allergien, chronische Ver­­­dauungsstörungen oder Nieren-Blasen-
Leiden, welche in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren bei den Haustieren rasant zugenommen haben. Auf der Suche nach Lösungen stossen viele Tierhalter auf die Homöopathie.

Wie viele Tierhomöopathen praktizieren in der Schweiz?
Eine genaue Anzahl zu nennen, ist sehr schwierig. Gesichert ist, dass sich innerhalb der letzten acht Jahre die Zahl kontinuierlich gesteigert hat. Dies auch als Folge, dass es heute Lehrgänge an Homöopathieschulen gibt, welche Ausbildungen zum dipl. Tierhomöopathen anbieten.

Kann man also davon ausgehen, dass, wer sich in der Schweiz als Tierhomöopath bezeichnet, auch über eine entsprechende Ausbildung verfügt?
Nein, leider nicht, jeder darf diesen Titel benutzen, auch wenn er nur wenige Lernstunden nachweisen kann und diese sogar als Fernlehrgang absolviert hat. Die Kantone sehen hier wenig Handlungsbedarf und somit ist es für Tierhalter sehr schwierig, einen qualifizierten Tierhomöopathen zu finden. Eine fundierte Ausbildung dauert mindestens drei Jahre im Direktunterricht, umfasst rund 600 Stunden zum Thema Tier­medizin und mindestens 800 Stunden Homöopathie/Tierhomöopathie. ­Hinzu kommen noch zahlreiche Stunden Etho­logie und 120 Tage Praktikum.

Wo findet der interessierte Tierhalter denn seriöse Adressen?
Ich empfehle den Tierhaltern, sich an die Verbände zu wenden. In der Schweiz existieren zwei Verbände: Der HVS (Homöopathie Verband Schweiz), welcher nur für Homöopathie und Tier­homöopathie zuständig ist, sowie der BTS (Berufsverband der Tierheilpraktiker Schweiz), in welchem auch andere Therapieformen angeboten werden. Es ist enorm wichtig, dass die Therapie von einem qualifizierten Tierhomöopathen ausgeführt wird.

Welche Krankheitsbilder eignen sich besonders für die homöopathische Behandlung?
Alle chronischen sowie akuten Erkrankungen. Eigentlich kann man bis auf einige Ausnahmen alle Erkrankungen respektive Störungen mit der homöopathischen Behandlung positiv beeinflussen. Tiere sprechen aussergewöhnlich gut auf homöopathische Arzneimittel an, zudem gehört in eine ganzheitliche Behandlung immer auch die Haltung und die Ernährung dazu, oft sind es genau jene Punkte, welche das Tier aus dem Gleichgewicht geworfen haben.

Aber bestimmt stösst die homöopathische Tierbehandlung auch an Grenzen?  
Ja, klar. Beispielsweise bei schweren Unfällen mit akuter Lebensbedrohung oder bei Kreislaufschock muss immer sofort der Tierarzt aufgesucht werden. Ebenso bei lebensbedrohlichen Zuständen wie der Gefährdung eines inneren Organs infolge eines wachsenden Tumors oder bei Komplikationen während der Geburt. Die Homöopathie kann keinen Bruch richten, sie kann aber die Heilung nach einer klassischen Behandlung begünstigen.

Folgerichtig arbeiten Tierhomöopathen auch mit klassisch praktizierenden Tierärzten zusammen?
Leider bestehen hier noch viele Berührungsschwierigkeiten, die Homöopathie wird nicht bei allen Tierärzten gut aufgenommen. Jedoch hat sich in den letzten zwei/drei Jahren zusehends eine Öffnung abgezeichnet. Eine Zusammen­arbeit ist wünschenswert, viele Tierhalter möchten sich nicht nur alleine auf die Homöopathie verlassen, die Unsicherheit ist hier noch gross. Eine Kombination in bestimmten Situationen kann sehr hilfreich sein. Beispielsweise nach einer schweren Geburt mit Kaiserschnitt erholen sich die Tiere mit homöopathischer Unterstützung bedeutend schneller als Tiere ohne. Operationen zeigen mit Unterstützung der Homöopathie eine bessere Wundheilung.

Wie reagieren Sie auf die Kritik, Homöopathie/Tierhomöopathie sei Quacksalberei?
Diese Aussage ist so undifferenziert und alt, dass sie eigentlich keinen Homöopathen mehr bewegt. Die Wirksamkeit wird täglich auf das Hundertfache bewiesen, am besten sogar bei Tieren, denn hier kann man den Placeboeffekt nicht geltend machen. Nur weil man eine Methode nicht wissenschaftlich in einem Referenzbereich erfassen kann, heisst es nicht, dass keine Wirkung vorhanden ist. Leider tut sich die Wissenschaft schwer, dies zu akzeptieren, obwohl es in der Medizin eine ebenso wenig bewiesene messbare Therapie gibt, nämlich die Psychoanalyse. Diese ist mit keinem Messgerät messbar und wird dennoch kaum hinterfragt. Ich verstehe jedoch die kritischen Stimmen, und es wird noch etwas Zeit brauchen, die Wirksamkeit der Homöopathie in Zahlen zu packen. Bis dahin gilt der Grundsatz «Wer heilt, hat Recht».

Zu guter Letzt?
Ich hoffe, dass weiterhin viele Tiere mehr Lebensqualität und Gesundheit durch die Homöopathie erfahren dürfen. Und ganz wichtig bei der Wahl des Tierhomöopathen ist, dass dieser mit der jeweiligen Tierart vertraut ist.

Quelle: Welt der Tiere

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Lotti Egli ist Vorstandsmitglied des Homöopathieverbandes Schweiz HVS, dieser vertritt als Berufsverband die Interessen praktizierender klassischer Homöopathen gegenüber den kantonalen und nationalen politischen Behörden und strebt die eidgenössische Anerkennung des Berufs «Homöopath» an. Er sorgt für die Qualitätssicherung bei den von ihm anerkannten Therapeuten und setzt sich für die Förderung des Verständnisses für das homöopathische Heilprinzip in der Öffentlichkeit ein. Der HVS ist Mitglied des ECCH (European Central Council of Homeopaths).