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Endocardiose – wie bitte?

Was bedeuten kardiale Synkope, Hydroperikard oder Ventrikelsemptumdefekt? Jedem Tierfreund liegt es wohl am Herzen, auch über Erkrankungen des zentralen Organs bei Tieren Bescheid zu wissen. Dabei kann es gar nicht schaden, ein wenig Veterinärlatein zu verstehen. Auf zur spannenden, erklärenden Lektion!

Dr. med. vet. Danya Wiederkehr

Zum besseren Verständnis von Herzerkrankungen und Veränderungen ist eine kurze Übersicht über die Anatomie des Herzens und das Herz-Kreislauf-System hilfreich.

Normale Strukturen und Funktionen des Herzens

Das Herz ist eine muskuläre Pumpe, die das Blut durch den Körper befördert. Es ist aufgebaut aus dem Epikard (fibröse äussere Schicht), dem Myokard (der Muskel selbst) und dem Endokard (fibröse innere Schicht), zu dem die Klappen gehören. Das Herz besteht aus vier verschiedenen Kammern (linker und rechter Vorhof [Atrium], linke und rechte Herzkammer [Ventrikel]) und vier Klappen (linke und rechte Atrio­ventri­kular-[AV-]Klappen, Semilunarklappen der Pulmonal-Arterie und der Aorta). Das Ganze ist umgeben vom Herzbeutel (Perikard) (siehe Abb. 1).

Das Blut gelangt zunächst aus dem Körper in den rechten Vorhof, von da über die rechte AV-Klappe in den rechten Ventrikel. Der rechte Herzmuskel pumpt das Blut durch die Semilunarklappen der Pulmonal-Arterie in die Lunge. Aus der Lunge gelangt es in den linken Vorhof und über die linke AV-Klappe in den linken Ventrikel. Der linke, grössere Herzmuskel pumpt das Blut über die Aortenklappen in die Aorta und somit in den Körperkreislauf.

Das Herz verfügt über ein autonomes Erregungsbildungs- und -leitungssystem

Dieses gewährleistet die Herzfunktion unabhängig vom Gehirn und dessen Nervensystem. Das Erregungsbildungs- und -leitungssystem besteht nicht aus Nervenzellen, sondern aus spezialisierten Muskelzellen innerhalb des Herzmuskels. Sie liegen an verschiedenen Stellen und bilden den Sinusknoten, den AV-Knoten, das His’sche Bündel und die Purkinjefasern (Abb. 2). Der normale kontinuierliche Herzschlag geht vom Sinusknoten aus. Bei Ausfall des Sinusknotens kann der AV-Knoten die Impulsgebung übernehmen.

Der Herzmuskel wird über die Herzkranzgefässe (Koronararterien), die direkt aus der Aorta abgehen, mit Blut versorgt.

Das Herzkreislauf-System besteht beim erwachsenen Tier/Mensch aus zwei Kreis­läufen: dem Körper- und dem Lungenkreislauf (grosser und kleiner Kreislauf).

Sauerstoffarmes Blut kommt vom Körper ins rechte Herz, wird dann weitergeleitet in die Lunge, dort werden die roten Blutkörperchen mit Sauerstoff (O2) beladen. Danach gelangt das Blut ins linke Herz und wird von dort in den Körper gepumpt. Dadurch wird der Körper mit Sauerstoff und Nährstoffen (Zucker, Fett, Eiweiss) versorgt (Abb. 3, siehe nächste Seite).

Anders im ungeborenen Tier/Mensch. Der Fetus wird über die Plazenta der Mutter mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Daher ist der Lungenkreislauf noch nicht aktiviert. Die beiden Kreisläufe sind zusammengelegt, das heisst, an zwei Stellen sind sie «kurzgeschlossen»: über das Foramen ovale (Verbindung zwischen den beiden Vorhöfen) und den Ductus botalli (Verbindung zwischen der Lungenarterie und der Aorta). Sobald die Lungenatmung einsetzt, werden diese Verbindungen durch Änderung der Druckverhältnisse funktionell verschlossen. Etwa 1–2 Wochen später sind sie dann zugewachsen.


Herzmuskelzellen können sich weder teilen noch regenerieren

Herzmuskelzellen können sich also nicht vermehren, sondern nur vergrös­sern oder verkleinern. Das Herz reagiert daher auf erhöhte oder zu geringe Belastung mit Vergrösserung (Hyper­tro­phie) respektive Verkleinerung (Atrophie) der Muskelzellen. Solange die Zellen nicht beschädigt sind, sind diese Anpassungen reversibel, wenn sich die Belastung wieder normalisiert. Zerstörung der Herz­muskelzellen ist irreversibel. Da Regeneration nicht möglich ist, erfolgt ein Ersatz durch fibröses Gewebe (Narbengewebe).
Herzerkrankungen kommen bei allen Tieren vor und sind vielfältig. Häufig sind sie lange Zeit klinisch ohne Symp­tome, da sie vom Herzen kompensiert werden können. Klinisch wahrnehmbare Herzveränderungen sind immer schon sehr fortgeschritten und haben deshalb oft eine schlechte Prognose.Alle Herzerkrankungen gehen final einher mit einer Verminderung oder einem Ausfall der Herzleistung (Herzinsuffi­zienz) und sind somit immer lebensbedrohlich.

Herzversagen

Unter Herzversagen (Herzinsuffizienz) versteht man die Unfähigkeit des Herzens, die vom Körper benötigte Blutmenge zu fördern. Es ist die Folge verschiedenster Herzerkrankungen. Wenn alle kompensatorischen Mechanismen erschöpft sind, kann der Blutbedarf des Tieres nicht mehr gedeckt werden. Herzinsuffizienz entsteht durch ein Versagen als Pumpe (starke Schädigung der Herzmuskulatur) oder durch unvollständigen Verschluss der Herzklappen. Ausserdem kann eine Herzinsuffizienz auch das Resultat einer extremen Erhöhung der geforderten Leistung (Druck- oder Volumenüberlastung) sein.

Herzmissbildungen

Herzmissbildungen kommen bei allen Tierarten vor und sind divers. Bestimmte Missbildungen kommen gehäuft bei gewissen Tierarten und -rassen vor.Häufige Missbildungen sind: persistierendes (noch offenes) Foramen ovale und Ductus botalli persistens, d.h. Nicht-Verschliessen der fetalen Herz-Kreislauf-«Kurzschlüsse».
Kompliziertere Missbildungen entstehen durch embryonale Fehlentwicklungen. Beispiele sind:

  • Ventrikelseptumdefekt (Loch zwischen den Ventrikeln)
  • Truncus communis (keine Trennung zwischen Lungenarterie und Aorta), transponierte Gefässe (Abgehen der grossen Gefässe von den falschen Herzkammern)
  • Veränderungen der Herzklappen oder den unmittelbar anliegenden Strukturen
  • Ectopia cordis (selten vorkommende «Fehlplatzierung» des Herzens an einem anderen Ort als im Brustraum, z.B. in der Unterhaut oder im Bauchraum)

Mit komplexen Missbildungen ist ein Tier häufig nach der Geburt nicht lebensfähig. Es gibt aber auch komplexe, multiple Missbildungen, die sich gegenseitig so weit aufheben, dass die Tiere trotzdem einige Jahre alt werden können.

Herzerkrankungen und Herzveränderungen

Erkrankungen können, grob eingeteilt, vier verschiedene Teile des Herzens betreffen: Perikard (Herzbeutel), Myokard (Herzmuskel), Herzklappen sowie ab- und zuführende Gefässe (Aorta, Pulmonal-Arterie und Koronararterien).
Perikarderkrankungen sind häufig ver­bunden mit einer Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel:

  • wässerige Flüssigkeit (Hydroperikard)
  • Blut (Hämoperikard)
  • Lymphflüssigkeit (Chyloperikard, selten)  
  • Eiter (Pyoperikard)

 Hydroperikard (Herzbeutelerguss) ist ein Symptom von Krankheiten, die Ödeme verursachen. Beispiele sind:

  • kongestives Herzversagen
  • Kardiomyopathien (siehe später)
  • «Aszites Syndrom» der Hühner
  • Hypoproteinämie des Hundes
  • Höhenkrankheit der Rinder

Ein Hämoperikard (Herzbeutelblutung) kann entstehen durch einen Riss der Herzmuskulatur oder Aorta und führt zu einer Herztamponade – d.h. das Herz kann sich nicht mehr entfalten – und zum Herztod.

Ein eitriger Erguss respektive eine eitrige Entzündung des Perikards (Pericar­ditis) ist meist eine bakterielle Infektion. Die Erreger erreichen über den Blutweg oder vom Brustfell her das Perikard. Beispiele sind:

  • Glässer’sche Krankheit der Schweine (Hämophilus parasuis)
  • Actinobacillose der Schweine
  • Pasteurellose der Rinder
  • Streptokkoken bei Pferden und anderen Tieren
  • Nokardiose der Katzen und Hunde

Speziell zu erwähnen ist die Pericarditis traumatica der Rinder. Diese Entzündung entsteht durch einen hinuntergeschluckten spitzen harten Gegenstand (engl. «hardware disease») – z.B. ein Nagel oder ein Draht – der sich durch den zweiten Vormagen (Haube) und das Zwerchfell in den Herzbeutel bohrt.

Man unterscheidet zwischen kongestivem Herzversagen und kardialer Synkope (akut).

Ursachen für Herzmuskel-Erkrankungen

*Tumore können grundsätzlich in allen Strukturen des Herzens vorkommen.

Erkrankungen des Myokards

Kardiomyopathien kommen vorwiegend bei Hund und Katze vor. Häufig ist die Ursache nicht bekannt (idiopathisch). Oft ist eine familiäre Häufung zu sehen, so dass eine Vererbung angenommen wird. Vererbte Kardiomyopathien bei Rindern in der Schweiz und in Japan sind bekannt.

  • Hypertrophe Kardiomyopathie (Verdickung des Herzmuskels mit Fibrose) betrifft vor allem Katzen, seltener auch Hunde. Es erkranken vorwiegend mittelalte männliche Tiere. Bei Persern, Maine Coon und der Norwegischen Waldkatze wird eine Vererbung der Krankheit vermutet.
  • Dilatative Kardiomyopathien (Ausdehnung der Herzkammern) betreffen vor­wiegend Hunde grosser Rassen und seltener Katzen. Bei Katzen ist ein Taurin-Mangel die Ursache. Seit Katzenfutter mit Taurin angereichert wird, ist die Erkrankung seltener geworden.

Herzklappen-Veränderungen sind ent­weder entzündlich (Endocarditis valvularis) oder degenerativ (Endocardiose). Entzündliche Veränderungen sind meistens bakteriell bedingt, selten parasitär (Strongyliden beim Pferd) oder mykotisch (Pilze). Die Endokardiose und damit ein unvollständiger Verschluss der Herzklappen ist eine wichtige Erkrankung bei älteren Hunden kleiner Rassen. Sie ist eine der wichtigsten Ursachen der kongestiven Herzinsuffizienz bei dieser Patientengruppe.

Die ab-  und zuführenden Gefässe sind grundsätzlich von denselben infektiösen Erkrankungen (bakteriell, viral, parasitär, mykotisch) wie die anderen Strukturen des Herzens betroffen. Bei den nicht-infektiösen Ursachen speziell zu erwähnen wäre das Aneurysma, eine Schwächung, Ausdünnung und Ausbuchtung der Gefässwände (vor allem Aorta), die gerne rupturiert. Je nachdem, wo der Riss sich befindet, führt dies zum Verbluten oder einer Herztamponade (Einbluten in den Herzbeutel).

Gefäss-Erkrankungen mit Degeneration

Arteriosklerose: Fibrose und Verdickung der Gefässe

  • Altersbedingt bei vielen Tieren, führt aber selten zu klinischen Symptomen
  • Atherosklerose: Ablagerung von Cholesterin in der Gefässwand
  • Wichtige Erkrankung beim Menschen, die nur selten bei Tieren vorkommt. Bei Tieren führt sie nur selten zu klinischen Symptomen.
  • Betrifft alte Schweine, Vögel und Hunde mit Schilddrüsenunterfunktion

 

Kalzifizierungen: Mineralisation der Gefässwände

 

  • Vergiftungen mit kalzinogenen Pflanzen, Vitamin-D-Vergiftung, Nierenin­suffizienz, aber auch durch andere schwerwiegende, den ganzen Organismus betreffende Erkrankungen

Der beim Mensch gefürchtete Herzinfarkt (Abb. 6) ist bei den Tieren nicht sehr häufig, da Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, Fettleibigkeit und falsche Ernährung nicht oder nur bedingt vorhanden sind. Ein Infarkt entsteht durch eine Unterbrechung der Blutversorgung der Herzmuskulatur (Koronararterien) zum Beispiel durch einen Thrombus und daraus folgender Zerstörung der Herzmuskulatur (beim Menschen häufig durch Atherosklerose). Hunde mit Schilddrüsenunterfunktion können Atherosklerosen entwickeln, diese resultieren aber selten in Herzinfarkten. Herzinfarkte kommen dennoch bei Tieren vor, haben aber häufig andere Ursachen wie zum Beispiel Würmer (Strongyliden beim Pferd, Dirofilarien beim Hund) oder bakterielle Streuungen.  

Quelle: Welt der Tiere

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Referenzen:

  1. Robbins & Cotran Pathologic Basis of Disease, 8th ed, by Kumar, Abbas, Fausto & Aster. Saunders Elsevier, Professional Edition, 2010. ISBN-10: 1416031219
  2. Pathologic Basis of Veterinary Disease. McGavin M D and Zachary J F, 4th ed, Mosby Press, 2006. ISBN: 0323028705
  3. Pathology of Domestic Animals. Jubb, Kennedy & Palmer, Grant Maxie M, 5th ed, Saunders Elsevier, 2007. ISBN-10: 0702028231