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Der Biber ist zurück!

Er staut Flüsse, legt Auen an und türmt mit seiner Familie meterhohe Burgen auf. 1600 der klugen Nager leben wieder in der Schweiz.

Text: Susanne Rothenbacher

Na ja, besser als gar nichts», werden sich die ersten Biber gesagt haben, die in der Schweiz zwischen 1956 und 1977 freigelassen wurden. Dann gingen sie an die Arbeit.

Biber sind die einzigen Vierbeiner, die nicht einfach hinnehmen, was ihnen die Natur bietet, sondern die Umwelt aktiv gestalten. Sie roden Waldstücke und stauen Flüsse, bauen Dämme und Burgen und ziehen bei Bedarf auch neue Kanäle in die Landschaft, um Fällholz zu flössen. Ihre architektonische Raffinesse, gepaart mit einem unglaublichen Eifer, bringt selbst Biologen immer wieder zum Staunen.

Trotz dieser Fähigkeiten brauchten die Biber Jahrzehnte, um die Flüsse im Mittelland zurückzuerobern. Heute leben 1600 Tiere in der Schweiz. Erst in den letzten 20 Jahren erreichten sie diesen Bestand. Denn es existiert ein Geschöpf, dessen Gestaltungswille denjenigen des Bibers noch übertrifft: der Mensch.

Zuerst hatte dieser aber vernichtet statt gestaltet. Er rottete den Biber in der Schweiz aus. Unsere Vorfahren waren scharf auf dessen dichten Pelz, auf  dessen Markierungssekret, das Bibergeil, dem allerlei medizinische Wunderwirkungen nachgesagt wurden, und nicht zuletzt auf dessen Fleisch. Seines schuppigen Schwanzes wegen ist der grösste Nager Eurasiens kurzerhand zum Fisch erklärt worden. Damit durften Biber auch in der Fastenzeit verspeist werden. Anfang des 19. Jahrhunderts war auch aus dem hintersten Flusswinkel der letzte Biber verschwunden.

Unermüdliche Chrampfer
Einige Jahrzehnte später wollte eine Handvoll Naturliebhaber den Schaden rückgängig machen. Sie siedelten den Biber wieder an – mit Erlaubnis des Staates. Doch statt freier Flüsse und Bäche fanden die ausgesetzten Tiere begradigte und kanalisierte Wasserläufe, an denen sich ein Kraftwerk ans andere reiht. Fast die Hälfte aller Fliessgewässer des Mittellands, knapp 11 000 Kilometer, sind zu solchen «Wasserautobahnen» verbaut worden, wie Christof Angst sie nennt. Der Biologe leitet seit fünf Jahren mit nie erlahmender Begeisterung die Schweizer Biberfachstelle: «Es vergeht kein Monat, in dem die Biber nicht etwas machen, von dem ich denke: Wow, das können sie auch noch. Es sind unglaubliche Tiere.»

Deshalb bangt Christof Angst dem April entgegen. Dann wird der Bundesrat voraussichtlich die Verordnung zum neuen Gewässerschutzgesetz verabschieden, das am 1. Januar in Kraft trat. Das Gesetz schreibt vor, in den nächsten 80 Jahren 4000 Kilometer Fliessgewässer zu revitalisieren und ihnen mehr Platz zuzugestehen. «Wichtig ist, dass wir an den Ufern 10 bis 20 Meter breite grüne Streifen schaffen», sagt Angst. Je 10 bis 20 Meter links und rechts eines Flusses – das klingt nach wenig. Doch im Mittelland gibt es kaum einen Bach, an dessen Ufer nicht eine Strasse entlangführt. «Biber legen ihre Wohnbauten gerne in Uferböschungen an», erklärt Christof Angst. «Graben sie sich unter die Strasse, besteht die Gefahr, dass diese einstürzt.»

Ein langsam fliessendes Gewässer, das mindestens 60 Zentimeter tief ist, ein paar Weiden und Pappeln am Ufer – Biber brauchen wenig, um sich gemütlich einzurichten. «Es sind genügsame Tiere», sagt Angst. Und fleissige: «Kommt ein Biber in einen neuen Lebensraum, arbeitet er so lange, bis ihm die Bedingungen passen.»

Als Erstes wird die Wohnung gebaut. Das kann eine Erdhöhle oder eine Burg aus Ästen sein. Nur wer in der Lage ist, dem Nachwuchs ein sicheres Zuhause zu bieten, kann sich fortpflanzen. Biber sind konservativ. Ihr Revier und ihre Familie gehen ihnen über alles; haben sich zwei gefunden, bleiben sie zusammen, bis dass der Tod sie scheidet. Unermüdliche Chrampfer sind beide Geschlechter. Mit vereinten Kräften zieht ein Biberpaar jene imposanten, bis zu drei Meter hohen Burgen in die Höhe, die man heute wieder zu Hunderten an Schweizer Gewässern findet.

Sind Kinder da, packen sie mit an. Zwei Jahre lang werden sie liebevoll behütet, dann müssen sie fort. Das ist die gefährlichste Zeit in einem Biberleben.

40 Prozent der Halbwüchsigen bezahlen das Abenteuer des Selbständigwerdens mit dem Tod. Viele werden überfahren, andere bei Revierkämpfen so schwer verletzt, dass sie elendiglich sterben. «Biber brauchen keine Feinde, sie regulieren ihre Population selbst», sagt Christof Angst.

Raffinierte Architekten
Zwar sind Biber sehr halsstarrig, wenn es um die Verteidigung ihres Reviers geht, als Architekten jedoch zeigen sie sich extrem flexibel. Nur zwei Dinge sind bei allen Burgen gleich: Der Eingang befindet sich stets unter Wasser. Und der Schlaf- und Wohnkessel liegt immer über Wasser. Um dies zu gewährleisten, errichten die Biber Dämme. Die Tiere wissen genau, wo und wie sie diese anlegen müssen, um jene stillen Teiche zu schaffen, in denen sie sich am wohlsten fühlen.

Christof Angst folgt einem schmalen Wiesenbach beim solothurnischen Kestenholz. «Hier hat sich unlängst ein Biberpaar niedergelassen», sagt er. Dass zwei so stattliche Tiere – ein Biber kann bis zu 25 Kilo schwer werden – in einem so kleinen Gewässer ein Auskommen finden, überrascht. Schritt für Schritt aber weitet sich der Bach zu einem veritablen Weiher. Bald kommt der Grund dafür in Sicht. Mit mehreren Dämmen haben die Biber den Bach gestaut. Säuberlich abgenagte Äste tümpeln in einer kleinen Bucht: «Rinde ist im Winter oft die einzige Nahrung der Biber», sagt der Biologe. Er untersucht die grösste der Sperren. «Die haben den Damm auf einer bestehenden Mauer aufgeschichtet», ruft er. «Ist das nicht genial?»

Halbe Sachen machen Biber nicht, sie bauen für Generationen. «Um einen Biberdamm zu entfernen, braucht man starkes Geschütz», sagt Christof Angst. «Oft hilft es nur, mit einem Kran aufzufahren.» Die Tiere rammen dicke Prügel in die Ufer und in den Grund des Baches. Diesen Verhau füllen sie mit Ästen sowie Steinen, Schlamm und Schlick. Dabei achten sie darauf, dass der Damm etwas undicht bleibt. Auf diese Art regulieren sie den Wasserpegel: «Ein Biberdamm läuft nie über», betont Angst. Und ist nie fertig: Ständig sind die vierbeinigen Handwerker am Ausbessern und Renovieren.

Hochwasserschützer
15 Millionen Jahre lang konnten Biber Burgen bauen und Bäche stauen, wie sie wollten. Es gab weder Landwirtschafts- noch Bauzonen. Heute stossen sie überall an Grenzen. In Kestenholz wird es nicht mehr lange dauern, bis der kleine See in die benachbarten Äcker schwappt. «Hier muss der Kanton eingreifen», sagt Christof Angst. Beispielsweise, indem ein Abflussrohr in den Biberdamm gesteckt wird, damit mehr Wasser abläuft und der Weiher nicht weiter wächst. «Letztlich ist das bloss Symptombekämpfung. Es führt kein Weg daran vorbei, den Gewässern – und damit den Bibern – mehr Platz zu geben. Das dient schliesslich auch dem Hochwasserschutz.»

Können Flüsse über die Ufer treten, entstehen wieder Auen – eine Landschaftsform, die in den letzten 200 Jahren fast verschwunden ist. Als einziger Kanton hat der Aargau in der Verfassung verankert, dass er die Auen wiederbeleben will. Ein Prozent seiner Fläche, das sind 1400 Hektaren, gehört gemäss Gesetz den Auen. Dafür wurden in den letzten zwölf Jahren entlang von Aare, Reuss, Limmat und Rhein Fichtenwälder abgeholzt, alte Wasserarme ausgebaggert, Äcker aufgegeben, ja sogar ein Fussballplatz wurde geschleift. In drei Jahren soll das Ziel erreicht sein. «Das geht nur, weil alle mitmachen: die Politiker, die Bauern und all jene, die in Flussnähe wohnen», sagt Norbert Kräuchi. Der Forstingenieur ist im Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons für die Abteilung Landschaft und Gewässer zuständig. Bewusst lässt Kräuchi in den Schutzgebieten Spazierwege anlegen und Brücken hochziehen.
«Auen sind wunderbare Erholungsräume. Wir dürfen die Leute aus dieser Landschaft nicht aussperren.»

«Biber können sehr viel zu Renaturierungsprojekten beitragen», bestätigt Christof Angst. Wo Biber hausen, steigt die Artenvielfalt. Die Tiere schaffen dynamische Landschaften, ein Netz von Teichen, Sümpfen sowie Weiden- und Pappelwäldern, die, wie Angst sagt, «dafür geschaffen sind, gefällt und überflutet zu werden». Vom Schaffen der Biber profitieren viele vom Aussterben bedrohte Arten, von Wasservögeln über Amphibien bis zu Libellen und Laufkäfern. Zudem funktionieren ihre Teiche wie Kläranlagen: «Bäche, in denen Biber leben, sind sauberer als andere.» Und reicher an Fischen: «In Biberrevieren ist die Fischdichte bis zu achtzigmal höher», weiss Angst.

All das wird Anton Trösch kaum gewusst haben. Der 2003 verstorbene Vertreter gilt im Kanton Thurgau als Bibervater. «Er liebte Tiere, das war sein Antrieb», blickt Mitstreiter Wolf-Dieter Burkhard zurück. 1966 bezahlte Trösch 2000 Franken – damals das Doppelte eines Primarlehrerlohns – für die ersten zwei von insgesamt fünfzehn Bibern, die er im Thurgau aussetzte. Der Romanshorner Tierhändler Karl Künzler hatte die Tiere in Norwegen besorgt.

Anton Trösch liess die ersten Biber im Stichbach in seiner Heimatgemeinde Bottighofen frei – nicht gerade ein ideales Biberrevier, wie Burkhard heute meint. Die beiden Biber erlitten ein tragisches Schicksal: Der eine wanderte bis ins Bündner Prättigau, wo er überfahren wurde. Wenigstens ein Teil von ihm blieb erhalten: Er steht ausgestopft im Naturmuseum in Chur. «Das zweite Tier war eines Tages spurlos verschwunden.»

Zwei Jahre später fand Anton Trösch einen geeigneteren Aussetzungsort: den Nussbaumersee bei Oberstammheim ZH. Dort gefiel es den Bibern. Und sie taten, was sie immer tun: arbeiten. Sie bauten Burgen und gründeten Familien, eroberten Stück für Stück die Thur zurück und halfen, sie zu renaturieren. Heute leben wieder im ganzen Mittelland Biber. «Und das», sagt Wolf-Dieter Burkhard «ist eine unglaubliche Freude.»

Für naturnahe Gewässer – Was das Gesetz will
Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. Und hat nun beschlossen, ihren Gewässern mehr Sorge zu tragen. Der Schweizerische Fischereiverband hat die Revision des Gewässerschutzgesetzes angeregt. Er lancierte 2005 die Volksinitiative «Lebendiges Wasser». Das Parlament hat daraufhin einen indirekten Gegenvorschlag ausgearbeitet. Er griff die wichtigsten Anliegen der Fischer auf. Deshalb zogen diese ihre Initiative bedingt zurück.

Das revidierte Gewässerschutzgesetz schreibt vor, dass die Kantone:

  • Den Gewässern mehr Raum geben: Die natürlichen Funktionen der Gewässer und der Hochwasserschutz sollen gewährleistet sein.
  • Die Gewässer revitalisieren. Mit 40 Millionen Franken pro Jahr unterstützt der Bund künftig Revitalisierungsprojekte.
  • Die negativen Auswirkungen der Wasserkraftnutzung reduzieren: Fische sollen wieder wandern können. Und die stark schwankenden Abflüsse von Speicherkraftwerken sollen geregelt werden. Entscheidend für die Qualität der Umsetzung dieser Vorgaben wird die Verordnung sein. Sie soll im April veröffentlicht werden.

Die Verwandten des Bibers
Biber gehören zur grossen Ordnung der Nagetiere, die mit rund 2000 Arten fast die Hälfte aller Säugetiere weltweit stellt. Drei dieser Nager bewohnen denselben Lebensraum, also Gewässer und ihre Ufer: Biber, Nutria und Bisamratte. Heimisch ist nur der Biber. Bisamratten stammen aus Nordamerika, Nutrias aus Südamerika. Erst der Mensch brachte beide nach Europa. Bisamratte sowie Nutria sind deutlich kleiner als Biber. Vor allem aber haben sie einen langen Schwanz und keine abgeflachte, beschuppte Kelle wie der Biber.
 

Wo kann man Biber beobachten?
WWF-Biberlehrpfad in St. Gallen an der Thur zwischen Oberbüren und Niederbüren: http://cms.webofsections.ch/index.php?id=4382
Biberlehrpfad am Hochrhein zwischen den Schiffsstegen Tössegg und Rüdlingen.: http://www.zueri-unterland.ch/index.php?nav=4,139,142
Biberlehrpfad in Pfyn: http://www.pfyn.ch/xml_1/internet/de/application/d41/f44.cfm

Weitere spannende Reportagen von der Schweizer Familie finden Sie hier:

Spechte: Wunderliche Schönlinge
Eichhörnchen - Kleine Akrobaten
Rekordverdächtig: Insekten

 



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