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Der Mensch-Versteher

Das wohl erste Haustier des Menschen ist auch sein treustes. Gleichzeitig ist der Wandel des Wolfes zum Hund eine einmalige Erfolgsgeschichte in der Natur- und Kulturgeschichte zweier unterschiedlicher Gattungen.

Text: Andreas Laschober

Es wird nicht gerade das Alphatier eines Wolfsrudels gewesen sein, sondern eher ein «Underdog» der Gruppe, der vor langer Zeit halbverhungert Nahrung suchte, wo immer er sie bekam. Dabei mag er sich einem anderen sozial hoch entwickelten Lebewesen genähert haben: dem Steinzeitmenschen – und dessen Abfällen.

Forscher meinen, dass es steinzeitlichen Jägern und Sammlern gar nicht schlecht ging. Zwei bis vier Stunden Arbeit täglich reichten wohl zum Überleben. Die Jagd war mitunter so erfolgreich, dass reichlich Nahrungsreste auf die Halde gekippt wurden, zumindest Häute, Sehnen und Knochen; genug jedenfalls für einen hungrigen Wolf, der sonst nichts zu fressen hatte.

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Schweizer Hunderassen: von der Fédération Cynologique International (FCI) zurzeit anerkannte Schweizer Hunderassen
 

Kuscheliger Fleischvorrat

Mag sein, dass so ein Wolf gestärkt zum Rudel zurückkehrte. Schon bei der nächsten Tour begleitete ihn dann vielleicht eine junge Wölfin, die im Rudel ebenfalls einen schwachen Stand hatte. Nun hatte der ehemalige Verlierer plötzlich beides: Futter und ein Weibchen. Möglicherweise verfügten beide über genetische Anlagen, die zwar für die Jagd weniger taugten, aber für eine geringere Scheu vor Zweibeinern sorgten. Für Raymond Coppinger, Verhaltensökologe vom Hampshire College in Amherst, Massachusetts (USA), ist klar: Zumindest die wesentlichen Schritte in der Annäherung von Mensch und Wolf gingen von den Vierbeinern aus. Er spricht daher von einer Selbstdomestikation des Wolfes.

Andere Experten betonen dagegen die Rolle der Steinzeitmenschen. Die neue vierbeinige Gesellschaft wäre für den frühen Menschen viel mehr gewesen als nur eine willkommene Putzbrigade. Die Welpen einer erlegten Wölfin wurden wohl kaum in der Wurfhöhle zurückgelassen, waren die tapsigen Wollknäuel im Lager doch geschätzt als lebende Wärmekissen und gut haltbare Fleischvorräte für Notzeiten. Frauen gaben ihnen wohl auch die Brust und junge Wölfe wurden bis zu einem gewissen Grad zahm.

Ein Wolf ist ein Wolf

«Aber», meint Coppinger, «selbst ein gezähmter Wolf ist noch immer ein Wolf und kein Hund.» Domestikation ist nicht Zähmung, sondern ein Jahrtausende währender Prozess, bei dem Tiere genetisch verändert werden. So bleiben auch ausgewachsene Tiere umgänglicher für Menschen. Ob Wölfe im ersten Akt der Domestikation nun selbst Regie geführt haben oder doch der Mensch die aktive Rolle im Zusammenfinden gespielt hat, wird wohl im Dunkel der Steinzeit verborgen bleiben. Auch der Beginn der Symbiose will trotz leidenschaftlicher Dauerdiskussion unter Experten nicht so recht fixierbar werden.

Antwort aus dem Grab

Als Schlüsselfund für die Erforschung der Domestikation des Hundes gilt aber eine Begräbnisstätte im heutigen Nordisrael. In einem Grab liegt dort eine Frau in Hockstellung begraben. Mit ihrer linken Hand umfasst sie einen Welpen. Fachleute schliessen daraus auf eine bereits vor 12 000 Jahren bestehende innige Beziehung zwischen Mensch und Wolf, respektive Hund.

Was aber war so bedeutsam an diesem Tier, dass es der Frau mit ins Grab gelegt wurde? Ein einfacher Abfallvertilger war das wohl kaum. Auch ein Hirtenhund kann es nicht gewesen sein, denn die Menschen der Natufian-Epoche, aus der das Grab stammt, hatten neben dem Hund noch keine anderen Haustiere. Gut möglich, dass des Rätsels Lösung mit Jagd zu tun hat. Obwohl bereits sesshaft, waren die Menschen jener Zeit noch Jäger und Sammler, die wilde Gräser pflückten und Gazellen nachstellten. In der Altsteinzeit wurden Tiere mit Steinäxten und Speeren gejagt oder in Fallen gefangen. Dann kam es im Epipaläolithikum, der Übergangsphase zur Jungsteinzeit vor etwa 10 000 bis 8000 Jahren, zu einer dramatischen Wende in der Jagdstrategie. Pfeile mit Steinspitzen gelangten im Natufian und in der entsprechenden Periode in Europa zu weiter Verbreitung.

Mit Pfeil, Bogen und Hund

Diese Weiterentwicklung der Fernwaffe Pfeil und Bogen wird dann besonders wirkungsvoll gewesen sein, wenn Hunde als Jagdpartner bereits in der Lage waren, angeschossenes Wild zu stellen. Die ersten Selektionen bestimmter Merkmale in Wesen und Äusserem der Hunde durch den Menschen erfolgten wohl mehr oder weniger unbewusst. Die Tiere vermehrten sich unkontrolliert. Was an neuen Erscheinungsformen gefiel oder nützlich war, wurde dann von den Menschen bevorzugt. Archäozoologe Erich Pucher vom Wiener Naturhistorischen Museum: «Beim Wolf ist der Übergang zwischen Schnauze und Stirn flach und gerade. Dass dieser sogenannte Stopp beim Hund dagegen oft viel steiler ist, gilt als typisches Domestikationsmerkmal. Es mag den Steinzeitmenschen sympathisch erschienen sein, dass diese Schädelform mit ihrer deutlich abgesetzten Stirn mehr an ein menschliches Gesicht erinnert.»

Hundespuren in der Zeit

Der älteste in Europa gefundene Hund wurde bei einer Grabung im Jahre 1914 in Oberkassel bei Bonn geborgen. Aus seinem Alter von 14 000 Jahren schliessen die Experten, dass die Domestikation des Hundes wohl schon vor dieser Zeit begonnen haben muss. Vor 10000 Jahren jedenfalls, am Ende der letzten Eiszeit, war der Hund bereits ein allgemeines Haustier. In der Schweiz zwischen Bodensee und Jura gibt es zahlreiche Funde von Hundeknochen, die überwiegend aus Seeufersiedlungen stammen. Da die Fundorte unter dem Grundwasserspiegel liegen, sind die Knochen hervorragend erhalten und erzählen vom Zusammenleben von Hund und Mensch. Schöne Schmuckstücke aus Eckzähnen von Hunden förderten die Archäologen aus dem torfigen Untergrund. Sauber durchbohrt waren sie vermutlich nicht nur Zierde sondern auch Kultobjekte.

Schmuck aus Hundeknochen

Doch zu den wirklichen Besonderheiten der jungsteinzeitlichen Seeufersiedlungen zählen Knochenfunde. Während Zähne auch von anderen Haustieren als Schmuckstücke getragen wurden, waren Knochen als Schmuck sehr selten. Die Metapodien (Mittelhand- und Mittelfussknochen) von Hunden stellen allerdings eine Ausnahme dar. Diese wenige Zentimeter langen geraden Knochen sind an einem Ende durchbohrt und wurden wohl zu mehreren als Anhänger getragen. Experten sehen darin einen Hinweis auf die grosse symbolische und religiöse Bedeutung des Hundes.

Freilich hatten Hunde für die jungsteinzeitlichen Menschen an den Schweizer Seenufern auch praktische Bedeutung. Die Vielzahl der Gebeine lässt vermuten, dass Hunde nicht nur zu kultischen Zwecken gehalten wurden, sondern ganz profan auch wertvolle Lieferanten von Fell und Fleisch waren. Tausende Jahre später, ab der Eisenzeit (etwa ab dem 8. Jahrhundert v. Chr.), war dann das Verhältnis zum Hunde als treuem Begleiter des Menschen etabliert. Bei den Kelten genossen Hunde grosse Verehrung. Sie galten als göttlich, zumindest halbgöttlich. Trotzdem: Auch die Kelten strichen Hunde nicht ganz von ihrem Speisezettel.

Der Verbreitung des Christentums in Europa verdankte der zeitgenössische Hund dann beides: Speisetabus machten Schluss mit dem Verzehr von Hundefleisch, gleichzeitig fand aber auch die Verehrung dieses Tieres ihr Ende. Denn vom christlichen Standpunkt aus ist es ein seelenloses Wesen und bestenfalls nützlich – aber sicher nicht der treue Freund des Menschen.

Ägyptische Windhunde

Der Hund ist das Säugetier mit der grössten morphologischen Vielfalt. Erstaunlich genug, dass aus ein und derselben genetischen Quelle derart unterschiedliche Phänotypen entstanden. Ein Grund dafür ist, dass die natürliche Auslese unter dem Schutz des Menschen wegfiel. So vermehren sich in der Gefangenschaft auch Hunde, die sich unter den Bedingungen der freien Wildbahn niemals hätten durchsetzen können: etwa auffällig gefärbte Formen oder solche mit extrem kurzer Schnauze, denen das Atmen zur Qual wird. Das erste bekannte Bildnis, das zweifelsfrei einen Hund zeigt, zeichnete jemand vor 8000 Jahren auf eine Felswand im kleinasiatischen Çatal Hüyük. Schlanke, windhundartige Formen gibt es auf ägyptischen Darstellungen bereits ab der 4. Dynastie (2600–2450 v. Chr.). Grosse Hunde, die an massive doggenartige Rassen erinnern, schreiten auf mesopotamischen Reliefs. Möglicherweise kamen sie bei herrschaftlichen Jagden auf Löwen und andere wehrhafte Tiere zum Einsatz.

Alexander der Grosse führte grosse und massige Hundetypen auf seinen Feldzügen mit. Lange vor ihm trieben schon assyrische Krieger ihren Feinden Hunde entgegen, um dessen Kräfte zu binden. Sie sollten in erster Linie gross sein, um dem Gegner Furcht einzuflössen. Daneben sollten sie eine möglichst hohe Reizschwelle haben, um im Kampfgetümmel nicht kopflos das Weite zu suchen.

«Den Kampfhund als biologische Zuchtlinie aber gab und gibt es dagegen nicht. Freilich gibt es Hundearten, die Eigenschaften haben, die sie für eine Dressur in diese Richtung prädestinieren – ebenso, wie sich verschiedene Jagdhunde für unterschiedliche Aufgaben eignen», meint Irene Stur vom Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

Die Entwicklung der Rassen

Bereits im ersten Jahrhundert nach Christus schrieb der Römer Columella: «Hirten wollen weisse Hunde. Denn wenn der Wolf – vor allem bei Einbruch der Dämmerung – angreift, muss sich der Hund in der Farbe vom Wolf unterscheiden, sonst kann es passieren, dass der Hirte, im Glauben einen Wolf zu töten, seinen eigenen Hund trifft.» Um Fremde zu verschrecken, sollte demgegenüber der Wachhund schwarz sein. Römer haben offenbar auch die Vorläufer einer heutigen Schweizer Hunderasse ins Land gebracht. Ein in Avenches gefundenes römisches Mosaik zeigt Meutehunde, deren Erscheinung mit Varietäten des Schweizer Laufhundes übereinstimmt.

Schon früh in der Geschichte gibt es bestimmte Hundetypen, wie etwa Hirtenhunde, Jagdhunde oder Gesellschaftshunde. Die rasante Entwicklung in der Rassenzucht ging dagegen erst Anfang des 19. Jahrhunderts von England aus. Zuvor schon, vom 13. bis zum 15. Jahrhundert, züchtete der Adel in Europa die verschiedensten Hunderassen vor allem für die feudale Jagd. Das ging so weit, dass für jede Art von Beutetier eine bestimmte Rasse von Jagdhund herangezogen wurde.

Eine Schweizer Spezialität

Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde in einigen Schweizer Kantonen eine Ristmassbegrenzung für Jagdhunde eingeführt, weil grosse Jagdhunde im Ruf standen, Wild zu hetzen und zu reissen. Um nicht auf die hervorragenden Jagdeigenschaften der Laufhunde verzichten zu müssen, die nun über Nacht zu gross für die Funktion waren, für die sie einst gezüchtet wurden, begann man gezielt kurzbeinige Rassen einzukreuzen. Mittels Erbguts von französischen Laufhunden und Bassets entstanden die Schweizer Niederlaufhunde, kurzbeinige Abkömmlinge der Schweizer Laufhunde. Ihrer Zuchtvorgabe entsprechend sind sie reine Jagdgebrauchshunde.

In England fand 1859 die erste Hundeausstellung statt und 1873 wurde hier der erste Züchterverband gegründet. Heute sind von der Fédération Cynologique International (FCI) 338 Hunderassen offiziell anerkannt. Tatsächlich gibt es mehr, und es kommen immer noch welche dazu, beispielsweise der Elo im Jahre 1987.

Einzigartige Karriere

Bleibt die Frage, warum gerade der Wolf zum Hund wurde und nicht etwa der Fuchs oder ein anderer der 38 Vertreter der Familie der Hundeartigen (Canidae). Auch der Rotfuchs und der ostasiatische Marderhund werden wegen ihres Fells in Gefangenschaft gezüchtet. Doch keiner konnte bisher eine ähnliche Karriere machen wie der Hund.

Der Wolf war, so vermuten die Wissenschaftler, aufgrund seines ausgeprägten Sozialverhaltens sehr gut geeignet für die Domestikation. Ausserdem verschaffte das Vermögen, Körpersprache und Mimik seiner Rudelmitglieder verstehen zu können, dem Wolf einen gigantischen Startvorteil in der neuen sozialen Umgebung des Menschen, die ähnlich funktioniert. Evolutionsbiologe Peter Savolainen von der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm: «Es war für den Wolf wohl von evolutionärem Vorteil, Menschen verstehen zu können.»

Literatur zum Thema

  • «Das grosse Praxisbuch Hunde», Verlag ADAC 2007, Fr. 69.40
  • Abrantes: «Hundeverhalten von A–Z», Verlag Kosmos 2004, Fr. 44.90
  • Alderton/Morgan: «Hunderassen», Verlag BLV 2004, Fr. 23.–

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