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Residenz der Tanzbären

Im Bärenpark beim bulgarischen Beliza sind befreite Tanzbären ein Publikumsmagnet. Eine Erfolgsgeschichte, von der in der urwüchsigen Randregion alle profitieren.

Text: Hans Peter Roth; Fotos: Stefan Weber

Die Strasse von Beliza in Richtung Bärenpark ist holprig. Das kleine Schweizer Reisegrüppchen ist vom Kleinbus auf Pferdewagen umgestiegen. Nun geht es in gemächlichem Pferdeschritt-Tempo hoch zu den weitläufigen Gehegen der befreiten Tanzbären.

Das Tal am Rand des südbulgarischen Rila-Gebirges wird immer enger. Wiesen, wo Einheimische noch von Hand Heu wenden, wechseln immer mehr mit Wald ab. Hoch thront am Horizont das karstig-hellgraue, fast 3000 Meter hohe Piringebirge. In dieser urwüchsigen bulgarischen Waldlandschaft müsste jeden Moment ein Bär auftauchen – möchte man meinen. Stattdessen erscheint ein einheimischer Imker am Wegrand. Er gibt den Reisenden Honig zu kosten. Honig im Land der Bären? Das müsste Meister Petz doch anlocken. Denn wilde Bären leben hier in den Bergen ganz selbstverständlich. Deshalb stehen die Bienenhäuschen des Imkers auch bärensicher auf einer Plattform drei Meter über dem Boden. Und der bärig aussehende beigegraue thrakische Hirtenhund ist seit Jahrhunderten treuer Beschützer bulgarischer Viehherden gegen Bären und Wölfe.

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Der Prachtsbär

Nach ausgedehnter Holperfahrt durch den Bergwald steht er plötzlich da: Der im Kontrast zur übrigen Landschaft verblüffend moderne Bärenpark mit seinem Hauptgebäude, das wie ein futuristisches Schiff über dem Wald zu  schweben scheint. «Bobby ist mein Liebling», schwärmt die bulgarische Reiseleiterin und Übersetzerin. Durch das Gitter zeigt sie auf einen stattlichen Braunbären. Der Petz-Pelz schimmert. Von insgesamt 20 Bären, die in den grosszügig angelegten Gehegen leben, ist Bobby das unversehrteste Tier.

Auffallend: die fast intakte Nase. Alle Braunbären, die hier ihren Lebensabend verbringen, fristeten vorher ein erbärmliches Tanzbären-Leben. Ihre früheren Halter stellten sie zur Schau, gehalten an einer Kette, die an einem Ring durch die sehr empfindliche Nase befestigt war. So blieben die Bären folgsam – gezwungenermassen. Doch oft entzündete sich die Nase und es gab böse Wunden. Oder – schlimmer noch – der Ring riss aus. Zurück bleiben Narben und Scharten. Bobby war zu seinem Glück nur kurz ein Tanzbär.

Hilfe für alle

Inzwischen ist Stefan Weber, Initiator der Reise zum grössten Bärenpark Europas, dazu gestossen. «Die Bären erholen sich sehr gut», freut sich der Mitinitiant des Parks. «Die meisten machen sogar wieder einen Winterschlaf.» 2001 kam der Mann mit Bärenstatur erstmals nach Bulgarien, damals als Schweizer Geschäftsleiter von «Vier Pfoten». Die Tierschutzorganisation verhandelte mit Regierungsstellen und den Bärenhaltern. Bei Romafamilien in abgelegenen Tälern forschte sie nach den letzten Tanzbären, die trotz des Verbots von 1992 noch immer gehalten wurden.Früher hatten Tanzbären vor allem im Sommer in der Hauptstadt Sofia zum Stadtbild gehört.Doch den Tierschützern war klar: Nicht nur den Bären, auch ihren Besitzern musste geholfen werden. Ein Vertragbot den Roma eine Ablösesumme für die Tiere – eine Starthilfe für deren ehemalige Besitzer. Heute sind 20 der 25 bekannten Tanzbären befreit. Sie leben in sieben weitläufigen Gehegen auf dem 120000 Quadratmeter grossen Bärenpark. «Zwei der restlichen fünf Bären sind verstorben, die restlichen drei sollten bald ebenfalls im Park sein», meint Stefan Weber zuversichtlich. Im Bärenpark, dem nationalen Vorzeigeprojekt im bulgarischen Tierschutz, arbeitet Ibrahim aus dem nahen Beliza. Der Bärenbetreuer kennt seine Schützlinge wie kein anderer. Und Ibrahim ist bei weitem nicht der Einzige, der in der abgelegenen Region von neuen Arbeitsplätzen profitiert. Der seit 2004 dank Millionenspenden von «Vier Pfoten» und der Brigitte-Bardot-Stiftung massiv ausgebaute Bärenpark ist heute ein Touristenmagnet von  internationaler Bedeutung. Die professionell geführte Anlage am Rand des Rila-Nationalparks füllt die Hotels der Umgebung. In Beliza bessern Einheimische die Strassen aus. «Die Bären fressen uns das Brot nicht weg, sondern geben uns Brot für die Zukunft», meint Ibrahim. Ab und zu erhält der Alterssitz der Tanzbären sogar Besuch von Artgenossen. Ibrahim zeigt auf Dellen im Schutzzaun: «Hier wollte ein wilder Bär nächtens über den Zaun klettern. Der innere elektrische Zaun schlug ihn aber in die Flucht.» Angesprochen auf den Rummel um einzelne Bären in der Schweiz wundert sich der Betreuer. 800 bis 1000 wilde Bären leben in Bulgarien, hauptsächlich hier, in den waldreichen südlichen Gebirgen. «Für die Bewohner der südbulgarischen Bergdörfer gehören Bären in den Wald wie Forellen in ihre Gebirgsbäche.» 

Alle kennen ihn

Dann geht die Fahrt im Bus zurück nach Beliza. Vera, die am Dorfplatz ein Imbisslokal führt, lädt das Reisegrüppchen spontan zum Essen mit selbst gesammelten Pilzen ein. Erst spät sind die Schweizer Touristen zurück in der komfortablen Unterkunft. Jeder Einheimische kennt hier Stefan Weber, der immer wieder Hilfsgüter in die ärmliche Region bringt und verschiedene Tierschutz- und Hilfsprojekte betreut. Wenn streunende Hunde vergiftet werden; wenn Tiertransporte Esel ohne Wasser und Futter über Tausende von Kilometern zum Schlachthof karren: Dann kommt Stefan Weber in Fahrt. «So was lässt mir keine Ruhe», sagt der Richterswiler: «Respekt und Liebe für das Lebendige, die Schöpfung, treiben mich an, etwas zu unternehmen. Es ist doch normal, für das, was man liebt und schätzt, aktiv zu werden.» Deshalb hat er auch die Tierschutzorganisation «Tierärzte im Einsatz » (STIE) ins Leben gerufen.

Hilfe für Esel

Ein Projekt von STIE gilt den Eseln in Bulgarien. Weber hat recherchiert, wie eine regelrechte Mafia auf dem Balkan Esel billig zusammenkauft oder von den Weiden stiehlt. «Nach qualvollen, extrem langen Transporten enden sie halb verhungert und verdurstet in Italiens Fleischfabriken als Billigfleisch, beigemengt in verschiedenen Wurst- und Fleischerzeugnissen.» STIE bietet bulgarischen Eselhaltern kostenlose tierärztliche Behandlungen ihrer Tiere und Aufklärung über artgerechte Haltung an, um – so Weber – den Nachschub für die Tierhandels-Mafia zu stoppen. Zu diesem Zweck ist in Südwestbulgarien, im Dreiländereck zwischen Griechenland und Mazedonien, zurzeit eine Auffangstation und ein «Gnadenhof» für Esel, Maulesel und Pferde im Aufbau. «Unsere Veterinäre und Hufschmiede besuchen Bauern überregional und regelmässig zur Hufpflege bei den Eseln», erklärt Stefan Weber. «Für die richtige Fütterung, Entwurmung, Zahnkontrolle oder passende Lastensättel stehen wir mit Rat und Tat zur Seite.» Auch politisch setzen sich die «Tierärzte im Einsatz» gegen grausame Tiertransporte ein. Die Balkan-Esel kommen auf vielen Wegen – bis in die Schweiz. Auch hierzulande gibt es einen Eselshandel («Natürlich» 9-2006). In «Natur- und Kulturreisen», die Stefan Weber für kleine Gruppen organisiert, klärt er die Teilnehmenden unter anderem über solche Zusammenhänge auf. Gleichzeitig will er den Reisenden «ein echtes Stück Balkan zeigen». Seine Reisen führen stets auch zum Bärenpark bei Beliza, den er mit aufbaute. Die Chancen, dabei «Bobby», dem befreiten Tanzbären, zu begegnen, stehen gut. Denn ein Bärenleben dauert gut und gerne 40 Jahre.

So wird ein Bär zum Tanzbären

Unter grausamen Torturen werden in der Wildnis eingefangene Braunbär-Babys in speziellen Ausbildungszentren zu Tanzbären abgerichtet. Man treibt sie dabei mmer wieder auf glühende Metallplatten und spielt dazu eine bestimmte Melodie.
Die kleinen Bären heben die Füsse hoch, denn sie wollen dem Schmerz entgehen. Durch die ständige Wiederholung dieser Prozedur zusammen mit der Musik werden sie so konditioniert, dass sie beim Erklingen der Melodie anfangen zu «tanzen».
Auch nach der Ausbildung hat das Leid der Tiere kein Ende. Um die Bären gefügig zu machen, wurden ihnen Metallringe durch Nase und Lefze gezogen. An dem Ring ist ein Seil oder eine Kette befestigt. Jeder Zug an dem Ring bereitet den Tieren grosse Qualen, denn Nase und Lefze sind die empfindlichsten Stellen des Bären. So zwingt man die Tiere zum Gehorsam – sie folgen willig, um dem Schmerz zu entgehen. Zum Schutz des Bärenführers werden den Bären zusätzlich einmal im Jahr die Krallen geschnitten. Auch dies ist eine äusserst schmerzhafte Prozedur, die die Tiere ohne Narkose ertragen müssen.
Quelle: Vier Pfoten

Literatur

  • Storl: «Der Bär – Krafttier der Schamanen und Heiler», AT Verlag 2005, ISBN 3-03800-245-1, Fr. 38.–
  • Bright: «Bären», Kosmos Verlag 2003, ISBN 3-440-09651-2, Fr. 23.–
  • Ott: «Die besiegte Wildnis – Wie Bär, Wolf, Luchs und Steinadler aus unserer Heimat verschwanden», Weinbrenner Verlag 2004, ISBN 3-87181-011-4, Fr. 50.50
  • Hespeler: «Brunos Heimkehr», Edition Raetia 2006, ISBN 88-7283-281-3, Fr. 34.90
  • Kalb: «Bär, Luchs, Wolf – Verfolgt – Ausgerottet – Zurückgekehrt», Leopold Stocker Verlag 2007, ISBN 3-7020-1146-8, Fr. 52.20
  • «Bulgarien», Baedeker Allianz-Reiseführer 2005, ISBN 3-8297-1019-0, Fr. 31.80
  • «Bulgarien», Reiseführer für Individualisten, Lonely Planet Verlag 2006, ISBN 3-8297-1552-2, Fr. 35.–
  • Moll: «Bulgarien: Wandern im Rila- und Piringebirge», Conrad Stein Verlag 2006, ISBN 3-86686-168-8, Fr. 23.50

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