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Tierliebe geht durch den Magen

Viel rohes Fleisch statt Fertignahrung für Hunde und Katzen: Dafür plädiert «Barf», eine Tierernährungslehre aus den USA. Gemäss dieser Lehre ist das handelsübliche Fertigfutter ungesund – doch genau das sehen Fachleute nicht so.

Text: Helen Weiss

Die fünf Hunde von Silvia Dierauer nagen voller Eifer und mit sichtlichem Genuss an Knochen und Poulethälsen. Die Mahlzeit scheint den Vierbeinern zu schmecken, es herrscht konzentrierte Stille. Mit ihren Zähnen schaben sie noch das kleinste Stück Fleisch von den Knochen, welche sie mit erstaunlicher Geschicklichkeit zwischen den Vorderpfoten fixieren. Das Bild erinnert an Wölfe, die eine eben erlegte Beute verschlingen. Das ist nicht verwunderlich, denn schliesslich versucht Dierauer mit ihrer Rohfütterung die Ernährung wild lebender Kaniden – wie eben zum Beispiel dem Wolf – zu imitieren. Doch auch der Wolf lebt nicht von Fleisch allein, weshalb die Hunde von Dierauer auch Gemüse, Obst, Eier und Milchprodukte vorgesetzt bekommen.

Rohfutter für Hunde und Katzen

Die Züchterin von Bouvier-des-Flandres- Hunden aus dem aargauischen Reinach ist seit Jahren überzeugte «Barferin». Der Ausdruck Barf tauchte erstmals vor rund 50 Jahren in den USA auf und bezeichnet Halter, die ihre Hunde und Katzen mit rohem, frischem Futter ernähren. Das Wort steht für «Born again raw Feeders» (neugeborene Rohfütterer) oder «Bones and raw Feeders» (Knochen und rohes Futter). Ins Deutsche wird der Begriff Barf mit «Biologisch artgerechtes rohes Futter» übersetzt. Dabei handelt es sich nicht um einen bestimmten Diätplan, sondern um Rohfutter, welches die Besitzerin aus frischen Zutaten selbst zusammenstellt. Dierauer, die seit 18 Jahren Hunde hält, fütterte ihre Tiere anfangs teilweise mit Trockennahrung, «obwohl ich immer etwas skeptisch war», wie sie sagt. Als sie die Zusammensetzung studierte, erschrak sie ob dem geringen Fleischanteil in ihrem Fertigfutter. Zudem hatten ihre beiden ersten Hunde ernste gesundheitliche Probleme, was sie dazu bewog, die Ernährung ihrer Vierbeiner gründlich zu überdenken. Sie begann sich darauf intensiv mit der Ernährung von Hunden zu beschäftigen und merkte rasch, dass sie nicht die einzige Halterin war, die ihre Tiere nicht einfach mit dem angebotenen Fertigfutter abspeisen wollte.

Fertigfutter mit hohem Getreideanteil

Das im Handel erhältliche Trockenfutter enthält meist Konservierungsmittel und Geschmacksverstärker. Zudem sind die Herkunft und die Qualität der einzelnen Zutaten oft unklar. Problematisch ist aber vor allem der hohe Anteil an Getreide, besonders im Hundefutter. Günstiges Fertigfutter besteht meist zu 60 bis 90 Prozent aus Getreide, was die Hersteller in der Analyse umgehen, indem sie bei der Zusammensetzung die Getreidesorten einzeln auflisten. Dadurch wird möglich, dass Fleischmehl als erste Zutat aufgeführt wird, obwohl der Hauptteil des Futters zusammengerechnet gemischtes Getreide ist. Der hohe Getreideanteil kann einzelnen Tieren Probleme bereiten, denn der Darm des Hundes ist im Vergleich zu jenem von reinen Pflanzenfressern kurz. Die Argumente der Rohfütterung leuchteten Silvia Dierauer ein: «Als ich dann einen Hund mit Verdauungsproblemen hatte, beschloss ich, die Ernährung umzustellen.» Seither erfreuen sich ihre Tiere bester Gesundheit. «Meine Bouviers sind viel agiler, haben ein schöneres Fell, keinen Mundgeruch mehr und setzen viel weniger Kot ab», sagt Dierauer.

Fressen mit Haut und Haar

Wie ihre wilden Verwandten sind auch Hunde – im Gegensatz zu Katzen – keine reinen Fleischfresser. Wölfe ernähren sich auch von Kräutern, Beeren, Gräsern, Wurzeln, Insekten, Mäusen und auch dem Kot von Pflanzenfressern. Einen guten Teil der Ernährung macht jedoch Wild und Aas aus, wobei von einem Beutetier ausser den grösseren Knochen und dem Magen-Darm-Inhalt praktisch alles gefressen wird. Dadurch bekommt der Wolf alle für ihn lebenswichtigen Nährstoffe wie Eiweiss, Fett, Mineralien, Vitamine, Enzyme und Ballaststoffe. ganze Tiere zu verfüttern, muss man sich beim Barf zuerst mit den Nahrungsbedürfnissen des Hundes auseinandersetzen. Denn es kann zu Fehlernährung kommen, wenn man seinem Vierbeiner nur Fleisch füttert.

Fehlernährung durch Barfen

Die Sorge punkto Fehlernährung ist laut Annette Liesegang bei einer Rohfütterung jedoch durchaus berechtigt. «Wenn man sich nicht ausreichend informiert, kann das Barfen zu einer Mangelernährung führen, vor allem in Bezug auf Mineralien und Vitamine», warnt die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Tierernährung der Fakultät Vetsuisse an der Universität Zürich. Damit die Rohfütterung möglichst ausgewogen und dem jeweiligen Tier angepasst ist, empfiehlt die Expertin zuvor eine Ernährungsberatung am Institut für Tierernährung oder beim Tierarzt. Zudem sollte man das Fleisch möglichst aus guten, bekannten Quellen erwerben, damit es hygienisch einwandfrei und nicht verunreinigt ist. «Das Fleisch in der Schweiz ist meist von guter Qualität », meint Liesegang. «Deshalb ist die Gefahr einer bakteriellen Besiedlung eher gering.» Wer auf Nummer sicher gehen wolle, könne das Fleisch kurz anbraten oder kochen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass es für die Verdauung keine Rolle spiele, ob die Nahrung gekocht oder roh sei.

Nicht alle Hunde vertragen Rohfutter

Bei Hunden oder Katzen mit chronischen Magen-Darm-Problemen oder Harnstein rät Liesegang aber klar von einer Rohfütterung ab. Ist der Hund gesund, die rohe Nahrung ausgewogen und die Hygiene einwandfrei, kann der Vierbeiner jedoch mit selbst zusammengestelltem Futter genauso gut ernährt werden wie mit qualitativ hoch stehendem Fertigfutter. Wer den Mehraufwand nicht scheue und die Herkunft des Fleischs kennen wolle, könne sich durchaus mit der Rohfütterung befassen. Wer das tue, müsse aber wissen: «Es gibt keine Studien, die belegen, dass Rohfutter besser ist als Allein- oder Fertigfutter», sagt Tierspezialistin Liesegang. In diesem Sinne sei Barf einfach eine Ernährungsphilosophie – und nicht mehr. Zudem sei es aus wissenschaftlicher Sicht nicht wahrscheinlich, dass Tiere mit Rohfutter länger oder besser lebten, als mit Fertignahrung.

Fastentag nicht vergessen

Grundsätzlich gilt für die Fütterung, egal, ob Fertig- oder Rohnahrung: Die Zusammenstellung muss auf das Alter, den Gesundheitszustand sowie den Typ des Hundes abgestimmt werden. Hundezüchterin und Barf-Anhängerin Silvia Dierauer: «Zudem ist die Umstellung von Trockenfutter auf rohe Nahrung nicht immer leicht.» Während sehr viele Vierbeiner keine Umstellungsprobleme haben, können andere anfangs durchaus an Durchfall und Erbrechen leiden, bis sich ihr Magen daran gewöhnt hat. Gemäss der Barf-Philosophie wird das Fleisch von Nutz- und Wildtieren in der Regel roh verfüttert: Muskelfleisch, Herz, Niere, Milz, Pansen, Blättermagen, Leber, Schlund, Kopffleisch sowie Knochen können dem Hund problemlos vorgesetzt werden.

Hunde stehen auf Hühner

Ausserdem mögen Hunde ganze Hühner. Geflügel darf jedoch immer nur roh gefüttert werden, da die Knochen durch das Kochen brüchig werden und dem Hund schlimme Verletzungen im Darm und Magen zufügen können. Das Fleisch sollte in eher grossen Stücken oder möglichst am Knochen gereicht werden, da das Reissen wichtig für die Zahnpflege ist. Zur Abwechslung darf es auch einmal ein ganzer, roher Fisch oder ein Ei sein. Einmal wöchentlich wird beim Barfing ein Fastentag eingelegt. Gegorene Milchprodukte wie Hüttenkäse, Joghurt oder Buttermilch bereichern den Futterplan. Das rohe Gemüse kann entweder mit dem Fleisch gemischt oder separat verfüttert werden. «Es gibt Hunde, die das Gemüse nicht so gerne essen, dann mische ich es etwa unter gehacktes Fleisch», erklärt Dierauer. Daneben sorgen Öle, Algen und Kräuter für Ausgewogenheit im Futterplan.

Ausgewogene Ernährung auch in den Ferien

Wer sich jetzt bereits stundenlang in der Küche stehen sieht, um neben der Familie auch noch den Hund und die Katze zu «bekochen», soll sich nicht gleich entmutigen lassen. Zwar ist die Rohfütterung aufwändiger, mit der Zeit entwickelt man jedoch bei der Zubereitung der Hunde- und Katzennahrung Routine. Silvia Dierauer kauft jeweils einmal pro Monat grosse Mengen Fleisch beim Metzger ein – so erzielt sie einen günstigeren Preis –, packt dann Portionen ab und friert diese ein. «Ich investiere monatlich rund fünf bis sechs Stunden Zeit, um das Futter für meine fünf grossen Hunde zuzubereiten», sagt sie. Fährt sie in die Ferien, füllt sie die Kühlbox mit den Portionen oder kauft – bei einem längeren Aufenthalt – frisches Fleisch vor Ort. Da die Ausgewogenheit der Nahrung sich über einen Zeitraum von mehreren Wochen erstreckt, ist es nicht weiter schlimm, wenn der Hund während des Urlaubs nicht jede einzelne Komponente zur Verfügung hat.

Zu viel Tierliebe ist ungesund

Bei der Rohfütterung und bei der Fütterung allgemein sollte beachtet werden, dass nicht alles, was uns Menschen schmeckt, auch gut für Tiere ist. Werden dem Heimtier gewisse Nahrungsmittel gefüttert, können Vergiftungserscheinungen
wie Erbrechen und Durchfall bis hin zum Herzversagen auftreten.
Ein weiteres aktuelles Problem ist Übergewicht bei Haustieren. Immer häufiger sind Tierärzte mit dicken Hunden und Katzen konfrontiert, die an denselben Folgekrankheiten leiden wie übergewichtige Menschen. Das heisst: Sie haben Kreislaufprobleme, sind wegen Bewegungsmangel kurzatmig und haben oft Schmerzen in den Gelenken. Diese Nahrungsmittel sollten nicht verfüttert werden:

  • Schokolade ist ungesund für die Zähne und enthält zudem den Wirkstoff «Theobromin», der vor allem in Zartbitter- und Bitterschokolade enthalten ist. 200 Gramm Kochschokolade, also eine Tafel, können für einen zehn Kilo schweren Hund bereits tödlich wirken.
  • Früchte enthalten in Kernen und Steinen Blausäure. Sie blockiert die Zellatmung und schädigt den Organismus des Hundes. Die Schleimhäute im Atmungs- und Verdauungstrakt werden gereizt, was zum Tod des Tiers führen kann. Steine und Kerne dürfen also nicht gefüttert werden.
  • Kuhmilch enthält zwar viel Kalzium, den hohen Gehalt an Milchzucker vertragen jedoch häufig weder Hunde noch Katzen. Gegorene Milchprodukte wie Joghurt, Quark und Käse stellen jedoch in der Regel keine Probleme dar.
  • Salzgebäck enthält viel Salz, was vor allem für Hunde mit einer Herzerkrankung sehr schädlich ist. Wird Salzgebäck regelmässig verfüttert, sammelt sich Flüssigkeit im Körper, die durch die verminderte Herztätigkeit nicht ausgeschieden werden kann.
  • Zwiebeln im Übermass sind schädlich, da die schwefelhaltigen Inhaltsstoffe die Hülle der roten Blutkörperchen angreifen und so deren Zerstörung bewirken. Dies führt über längere Zeit zu Blutarmut.
  • Rohes Eiweiss verfügt über einen grossen Anteil an hochwertigem Eiweiss und enthält gleichzeitig Stoffe, welche die Verdauung von Eiweiss stark einschränken. Zudem wird das Bioton durch ein im Eiweiss enthaltenes Protein gebunden, so dass das wichtige Vitamin für den Organismus des Hundes nicht mehr verfügbar ist.

Beratung
Institut für Tierernährung, Winterthurerstr. 260, 8057 Zürich, Telefon 044 635 88 01, www.tierer.unizh.ch, sekretariat@vetphys.unizh.ch
Telefonische Beratung: Dienstag von 15 bis 16 Uhr, Freitag von 10 bis 11 Uhr. Die Beratungen sind kostenpflichtig und berechnen sich je nach Aufwand. Die Mindestgebühr beträgt 50 Franken exklusive Mehrwertsteuer. Dieser Tarif gilt auch für eine telefonische Beratung.

Literatur

  • Messika/Schäfer: «B.A.R.F. – Artgerechte
  • Rohernährung für Hunde», Kynos Verlag, 2005, ISBN: 3-938071-11-3, Fr. 23.50
  • Frost: «Naturnahe Ernährung für Hunde», Verlag EMU, 2003, ISBN: 978-3-89189-093-6, Fr. 16.60
  • Dierauer: «Die artgerechte Ernährung des Hundes», Broschüre, Fr. 6.–, erhältlich unter www.meinhund.ch
  • Münchberg: «Katzen naturnah ernähren», Cadmos Verlag, 2007, ISBN: 3-86127-129-1, Fr. 19.80
  • Frost: «Naturnahe Ernährung für Katzen», Verlag EMU, 2003, ISBN: 3-89189-094-3, Fr. 16.50

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