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Hypo-Hunde - Die Beziehung ist der Schlüssel zum Erfolg

Mittlerweile ist bekannt, dass Hunde zu Aussergewöhnlichem fähig sind. Die Bilder sind allgegenwärtig: Hunde, die nach Lawinenopfern oder Verschütteten suchen, Rauschgift aufspüren, behinderten Menschen den Alltag erleichtern und vieles mehr. So gibt es auch Hunde, die Diabetiker vor einer lebensgefährlichen Unterzuckerung warnen. Eine höchst komplexe Arbeit und eine echte Herausforderung an die Ausbildung von Mensch und Tier.

Irgendwie scheint es fast schon normal, dass ein Hund einen blinden Menschen führen, ihn vor Hindernissen warnen kann, den Weg findet. Dabei vergisst man leicht, wie viel es braucht, damit ein Hund dies kann. Die Ausbildungen dauern zum Teil Jahre und es braucht Geduld und viel Arbeit, bis die Zusammenarbeit Mensch-Tier so funktioniert. Hunde wollen eine Beziehung zum Menschen und genau dieser Wunsch führt sie zu Aussergewöhnlichem. Ein gutes Beispiel ist der so genannte Hypo-Hund. Diese Hunde werden auch «Diabetiker Warnhunde» genannt, aber dagegen wehrt sich Anna Sophie Müller, Gründerin der Hypo-Hundeschule im Norden Deutschlands. «Die Hunde warnen nicht vor einem Diabetiker, sondern den Diabetiker vor einer Hypoglykämie, also vor einer Unterzuckerung.» Und diese Warnung ist lebenswichtig.

Der Geruch ist massgebend
Das Konzept ist nicht neu. Der Hund soll einen Geruch wahrnehmen und dann auf die ihm beigebrachte Art und Weise dies signalisieren. Die Hunde lernen in Müllers Hundeschule bereits im Welpenalter, aus verschiedenen T-Shirts jenes herauszufinden, das Herrchen bei einer Unterzuckerung getragen hat. «Auf dem Shirt befindet sich ein ganzer Cocktail an Gerüchen. Der Hund muss den für die Unterzuckerung zuständigen Baustein herausfinden», erklärt Anna Sophie Müller. Diesen zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren, das ist die Aufgabe eines Hypo-Hundes.

Ab einem gewissen Grad fallen Diabetiker bei einer Unterzuckerung in die Bewusstlosigkeit und dann ins Koma. Der Hypo-Hund soll darum frühzeitig warnen. Und zwar mit einer erstaunlichen Vorgehensweise. Er muss in dem Moment, in dem er eine Unterzuckerung anzeigt, ungehorsam sein. Anna Sophie Müller kennt die Situation, ihr Mann ist Diabetiker. «In der Unterzuckerung können Diabetiker sehr unwirsch reagieren, somit auch den Hund, der eigentlich helfen möchte, wegschicken. In diesem Moment darf der Hund aber nicht auf den Befehl seines Herrchens hören.» Eigentlich ein Widerspruch, müssen doch auch Hypo-Hunde einen perfekten Grundgehorsam beherrschen. Ein solcher Widerspruch im Verhalten ist antrainiert, lässt sich aber nur mit der Beziehung Mensch-Tier und umgekehrt erklären. Und diese Beziehung ist beim Hypo-Hund besonders wichtig.

Eine anspruchsvolle Aufgabe
Dass es funktioniert, beweisen die Hunde von Anna Sophie Müller: die Wolfsspitze Bella und Aida. Beide zeigen zuverlässig an, wenn Anna Sophies Mann Felix unterzuckert ist. Sie kratzen dann an seinem Bein und lassen sich nicht abwimmeln, es sei denn, um einen Beutel mit Traubenzucker zu holen. Im Beutel ist auch ein Leckerli für die Hunde, die Aufgabe soll ja schliesslich Spass machen. Das mit dem Spass ist denn auch die besondere Herausforderung. Diabetiker leben ständig mit der Angst vor der lebensbedrohenden Unterzuckerung. Das spüren die Hunde und das kann Stress bei ihnen auslösen. «Immer wieder rufen uns Betroffene an und erzählen, dass ihr Hund ein Naturtalent sei», erzählt Anna Sophie Müller. «Dann weiss ich schon, dass der Hund leidet.» Die Anrufenden interpretieren nämlich das auffällige Verhalten der Hunde bei einer Unterzuckerung ihrer Herrchen als positiv. Dem sei aber gar nicht so, betont Müller. Die Hunde spürten nur die Bedrohung. Ihr Verhalten sei dann purer Stress. Ein solcher Hund führe ein kümmerliches und angstvolles Leben. «In der Ausbildung bringen wir dem Hund bei, dass die von ihm wahrgenommenen Signale Spiel und Spass bedeuten. Das tönt zwar zynisch, aber es ist der einzige Weg, damit der Hund nicht leidet.» Der Mensch müsse dem Hund seine Aufgabe als Spiel vermitteln. Zudem arbeite der Hypo-Hund immer und ohne Kommando, ohne Ansage. «Er muss auf die Situation richtig reagieren und das selbstständig», so Müller.

Hypo-Hunde als Assistenzhunde
Da Diabetiker in Deutschland einen Behindertenausweis besitzen, dürfen sie ihren Hypo-Hund (fast) überallhin mitnehmen. Die Gefahr der Unterzuckerung hält sich nicht an gewisse Zeiten und ist unberechenbar. Kürzlich durfte Felix
Müller seinen Hund Bella sogar ins Flugzeug mitnehmen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Lufthansa notabene. Die Trefferquote von Bella ist hoch: In neun von zehn Fällen zeigt sie eine drohende Unterzuckerung rechtzeitig an. Regelmässige Messungen und ärztliche Überwachung kann aber auch sie nicht ersetzen. Das weiss Felix Müller, der seit seinem 12. Lebensjahr Typ-1-
Diabetes hat: «Mein Hund Bella gibt mir im Alltag eine unglaubliche Sicherheit und damit ein grosses Stück Lebensqualität zurück.» Sein Blutzuckermessgerät hat er trotzdem weiterhin dabei. Die komplette Verantwortung für ihn und seine Gesundheit will Müller Bella nicht übertragen. Schliesslich soll sie auch ihr Hundeleben geniessen können.

Eindrückliche Lebensgeschichten
Ein Besuch bei der Hypohundeschule in Uelsby im Norden Deutschlands lässt erahnen, was die Diagnose Diabetes bedeutet. Am Mittagessen sitzen die Teilnehmenden eines Lehrgangs und diskutieren über ihren Alltag. Alle, die da sitzen, sind Betroffene, also Diabetiker und Angehörige. Man merkt sofort, das Leben mit Diabetes ist dominiert von dieser Krankheit. Beim Essen werden die Zuckerwerte errechnet und Erfahrungen mit den verschiedenen Insulinpräparaten ausgetauscht. Das Thema ist allgegenwärtig. Am Tisch sitzen Menschen mit unterschiedlichen Geschichten und Schicksalen, durch die Hunde erhalten sie ein Stück Lebensqualität zurück. Eines wird aber auch klar: Hypo-Hund, das ist kein Kurzzeitabenteuer, nichts, was man an einem Wochenende lernen kann. Jeden Tag muss geübt werden, damit der Hund zuverlässig eine Unterzuckerung anzeigt. Das wurde Teilnehmenden auch schon zu viel. Die meisten aber halten durch, weil ohne Hund das Leben ein ewiger Pfad von Unsicherheit ist. So erzählen sich die Betroffenen immer wieder Geschichten, wie der Hund ihr Leben gerettet hat. Es sind Geschichten wie die von Maximilian. Der Junge ist mittlerweile zwei Jahre alt und hat Diabetes. Für die Mutter hiess dies: In den Spitzenzeiten alle halbe Stunde den Blutzucker messen, und zwar Tag und Nacht. Eine unermessliche Belastung. Jetzt besucht sie mit ihrem Pudel «Bootsmann» die rund 15-monatige Ausbildung in Uelsby. Nun wacht der Hund über Maximilian, auch nachts. Was dies für die Mutter bedeutet, können Nichtbetroffene nur erahnen.

Das Geschäft mit dem Hypo-Hund
Die negative Seite an der Geschichte: Hunde, die als Helfer eingesetzt werden können, sind ein Riesengeschäft. Und da wollen viele kräftig mitverdienen. Immer mehr Schulen bieten darum Ausbildungen für Diabetikerwarnhunde an. Selbsternannte «Experten» beraten ihre Klienten, ohne eine staatliche Überprüfung oder Zertifizierung. Im Falle der Hypo-Hunde kann dies Leben kosten. Jeder Hund ist einzigartig, die Klienten sowieso. Anna Sophie Müller kennt die Geschichten von Betroffenen, denen nicht nur viel Geld, sondern sogar der Hund abgenommen wurde, oder Fälle, in denen die Ausbildung nicht funktionierte. Dann lag es natürlich immer am Hund und nie an der Ausbildung. Dann aber, mit viel Geduld gelingt es Anna Sophie Müller eben doch. Weil sie die Krankheit Diabetes kennt, weil sie weiss, was die Hunde tun müssen und als Vermittlungswissenschaftlerin, und das ist ganz wichtig, die Menschen ausbilden kann. Für die Klienten heisst dies: Wenn eine ganz «normale» Hundeschule am Werk ist, ohne einen professionellen Bezug zur Krankheit Diabetes, ohne direkte Betroffenheit, dann ist äusserste Vorsicht geboten. Schliesslich geht es um eine äusserst intensive und komplexe Zusammenarbeit von Mensch und Hund und es geht um eine konkrete Krankheit und deren Auswirkungen. Nur wer diese versteht, kann auch eine glaubwürdige Ausbildung anbieten.

Quelle: Welt der Tiere

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