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Nur in Freiheit sind Delfine glücklich

Delfinarien – Schattenseiten eines Booms

Delfine faszinieren den Menschen seit Urzeiten. In der Antike wurden sie als Boten der Götter verehrt und standen unter besonderem Schutz: Wer einen Delfin tötete, musste dafür mit seinem eigenen Leben bezahlen. Noch heute ist die aussergewöhnliche Wirkung der Meeressäuger auf uns ungebrochen.
Viele Menschen hegen den Wunsch, mit Delfinen in Kontakt zu treten. Die Folgen für die hochsensiblen Tiere werden dabei oft vergessen.

Vera Bürgi

Mehr als dreissig Delfinarten leben heute noch in den Ozeanen – unter ihnen Orcas und Grosse Tümmler, welche häufig in Vergnügungsparks zu sehen sind. Delfine gehören zu den wandernden Tierarten. In Freiheit sind sie dauernd in Bewegung, legen täglich Distanzen von über hundert Kilometern zurück und tauchen mehrere hundert Meter tief. Sie leben und jagen in hoch entwickelten Sozialverbänden. In der Dunkelheit der Ozeane orientieren sie sich über das Gehör und erkennen Artgenossen, Beutetiere und Hindernisse anhand akus­tischer Echos.  

Wenn Delfine gefangen genommen und eingesperrt werden, verlieren sie alles: ihre Freiheit, ihre Familie, ihr Zuhause, ihr natür­liches Verhalten. Ein Lebensraum von der Grösse und Komplexität des Ozeans kann an Land nicht künstlich nachgebildet werden.

Gejagt, gefangen, gequält – geliebt?
Der zweifelhafte Flipper-Mythos, mit dem viele von uns aufgewachsen sind, hat den Blick auf die Realität verstellt. Welchen Preis bezahlen gefangene Delfine für die Begegnung mit Menschen?

Delfinarien schiessen weltweit wie Pilze aus dem Boden. Die Betreiber erfüllen Wünsche – aber nur jene der Menschen. Die Delfine werden Opfer eines lukrativen Geschäfts: Jedes Tier, das in Schwimmprogrammen, Shows oder Therapien eingesetzt wird, bringt seinem «Besitzer» jährlich schätzungsweise mehr als eine Million Franken ein. Verlockende Einnahmen.

Rund 200 Delfinarien existieren derzeit, und es werden immer mehr. Das heizt die Nachfrage nach Tieren an; weil die Nachzucht von Delfinen in Gefangenschaft selten funktioniert, werden neue Showstars fast immer auf brutale Weise
im Ozean gefangen. Solche Fangak­tio­nen gefährden mitunter ganze Delfinpopulationen.  

Besonders grausam ist das Schicksal jener Delfine, die alljährlich in eine Bucht beim japanischen Fischerdorf Taiji zusammengetrieben und getötet werden. Nur wenige davon überleben das blutige Massaker, das im Film «The Cove» – er wurde vor einem Jahr mit einem Oscar ausgezeichnet – dokumentiert wurde. Diese für die Delfinarien-Industrie aussortierten Tiere werden an Land gebracht und über weite Strecken in engen Containern per Lastwagen und Flugzeug transportiert.

Flippers irreführendes Lächeln
Für Delfine, welche die Strapazen der Gefangennahme und den Transport
ins Delfinarium überleben, beginnt ein Martyrium, das alles andere als artgerecht ist. Gefangene Delfine leben unter Dauerstress. Wo sie in Freiheit weite Distanzen zurücklegten, können sie nun nicht einmal mehr geradeaus schwimmen. Ohne Rückzugsmöglichkeiten sind die Wildtiere dauernd dem ungewohnten Kontakt mit Menschen ausgesetzt. Die Delfine leiden an Platzmangel, Mono­tonie und Lärm; ihr wichtigstes Sinnesorgan, das Echolot, wird in der künstlichen Umgebung nutzlos. Auf engstem Raum zu neuen Gruppenverbänden zu­sammengepfercht, reagieren die Tiere untereinander oft aggressiv. Das künstlich aufbereitete Wasser schwächt ihr Immunsystem zusätzlich.

Als Folge der unnatürlichen Lebensbedingungen zeigen viele Delfine stereotypes Verhalten und leiden an chronischen Krankheiten wie Magengeschwüren oder Infektionen. Im Schnitt sterben gefangene Delfine viel früher als wild lebende Artgenossen. Der Gros­se Tümmler hat in Freiheit beispielsweise eine Lebenserwartung von mehr als 40 Jahren. In Gefangenschaft wird er oft nicht halb so alt.

Es ist ein hoher Preis, den die Delfine für unser Bedürfnis bezahlen, sie zu lieben. Ihr «Lächeln» ist nicht etwa ein Zeichen der Zufriedenheit. Delfine «lächeln» immer – selbst wenn sie leiden oder tot sind. Sie haben keine bewegliche Gesichtsmuskulatur, ihre Mimik ist starr. 

Gefangene Therapeuten
Dass die Zurschaustellung von Delfinen zum Vergnügen der Menschen immer fragwürdiger wird, haben auch die Delfinarien-Betreiber gemerkt. Mit der Delfintherapie fanden sie ein willkommenes Mittel, die Umstände schön zu reden.

Berichte über Erfolge der Delfinthe­rapie wecken bei Menschen, die sich
in einer psychischen oder physischen Notlage befinden, verständlicherweise
Hoffnung. Glaubt man den Anbietern, gibt es fast nichts, was Delfine nicht heilen könnten. Genannt werden Depressionen, Hör- und Sprachstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Down-Syn­drom, Autismus, chronische Schmerzen, Stress, Muskeldystrophie, Wirbelsäulen­verletzungen, AIDS, Magersucht und vieles mehr.

Für dieses Geschäft mit der Hoffnung bezahlen Betroffene einige Hundert Franken pro halbe Stunde mit einem Delfin. Oft wird dabei nicht mehr als ein bisschen geplanscht. Es gibt keine seriöse Studie, die eine langfristige Wirksamkeit oder eine Überlegenheit gegenüber bewährten Therapien mit domestizierten Tierarten nachweisen würde.

Die Delfine, die Schweiz und Europa
In der Schweiz gibt es nur noch ein Delfinarium, dessen Tierhaltung immer wieder in der Kritik steht. 2010 erstatteten die Schweizer Natur- und Tierschutzorganisation OceanCare und die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) Strafanzeige gegen die Betreiber des Freizeitparks wegen gravierender Verstösse gegen das Tierschutzgesetz.

Seit mehr als zwanzig Jahren setzt sich OceanCare gegen die Gefangenhaltung von Delfinen in der Schweiz ein. Mit Erfolg: 1989 konnte der Bau eines Delfinariums im Kanton Wallis verhindert werden, 1997 gab Knies Kinderzoo in Rapperswil die Delfinhaltung auf. Seit 2008 ist der Bau neuer Delfinarien in der Schweiz praktisch unmöglich geworden, da die Vorschriften für die
Haltung von Walen und Delfinen gemäss Forderungen von OceanCare in der Tierschutzverordnung verschärft wurden.
Von den weltweit 200 Delfinarien befinden sich rund 60 in Europa. Gemäss der Datenbank von CITES (Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten) wurden zwischen 1979 und 2008 mindestens 285 Delfine und Wale in die EU importiert. Viele Tiere gingen nach Spanien, Deutschland, Italien, Portugal und in die Türkei. In die Schweiz wurden seit 1976 mindestens 11 Delfine eingeführt.

Nun sollen Delfinarien europaweit zum Auslaufmodell werden: OceanCare fordert mit einer Petition, die von über 140’000 Personen unterschrieben wurde, dass die EU, die Türkei und die Schweiz ein gesetzlich verankertes Verbot für den Neubau von Delfinarien erlassen und den Handel mit Walen und Delfinen verbieten. Die Petition wird im Herbst 2011 bei der EU-Botschaft in Bern eingereicht. 

Was von uns als «Lächeln» interpretiert wird, lässt in Wirklichkeit keinesfalls auf den Gemütszustand eines Delfins schliessen. Den Gesichtsausdruck können die Meeressäuger nicht beeinflussen.

England und Luxemburg haben die Gefangenhaltung von Delfinen aus Tierschutzgründen bereits verboten. OceanCare setzt alles daran, dass die Schweiz deren Beispiel folgt.

Geboren für die Freiheit
Die Begegnung mit Delfinen ist ein unvergessliches Erlebnis – doch nur, wenn die Tiere frei sind und in ihrer Wildheit und Würde respektiert werden. Was wir in Delfinarien sehen, hat wenig mit dem natürlichen Verhalten der Tiere zu tun. Ihr wahres Wesen wird nur auf dem Meer erfahrbar. Es braucht etwas Aufwand und auch Glück, um Delfine in Freiheit zu sehen, umso wertvoller aber wird diese Erfahrung.
       
Wer wilde Delfine beobachten will, kann an verantwortungsvoll geführten «Whale Watching»-Touren teilnehmen oder als «Walforscher» bei OceanCare anheuern. Seit 1997 untersucht die Organisation die Verbreitung und Gefährdung der Wal- und Delfinarten vor der südfranzösischen Küste. Forschungsteilnehmer leisten an Bord wichtige Beobachtungsarbeit, erleben den Forscheralltag hautnah und erfahren, was getan werden muss, um die Delfine zu schützen.

Zeit, den Spiess umzudrehen
Hunderttausende Delfine gehen jedes Jahr in den Ozeanen zugrunde. Sie verenden als Beifang in Fischernetzen und finden immer weniger Fische zum fressen. Sie stranden wegen massloser Lärm­emis­sionen, erkranken wegen der Mee­res­verschmutzung – und werden bei Treibjagden getötet, die von der Delfina­rien-Industrie in Gang gehalten werden.

Menschen haben die uralte Verbundenheit mit den Delfinen aufs Äusserste strapaziert. Es ist an der Zeit, den Spiess umzudrehen. Die Delfine sind nicht zu unserem Vergnügen da; aber wir müssen zu ihrem Schutz da sein. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) warnt: Wenn nicht rasch einschneidende Massnahmen zum Schutz der Delfine getroffen werden, könnten sie schon bald aus den Weltmeeren verschwunden sein. Damit das nicht geschieht, müssen wir rasch umdenken und gemeinsam handeln. Jetzt.

OceanCare rät aus Sicht des Tier- und  Artenschutzes dringend vom Besuch von Delfinarien im In- und Ausland ab. Jedes verkaufte Eintrittsticket verschärft das Leiden der Meeressäuger und fördert den Fang von Wildtieren.   

Vera Bürgi ist Kommunikationsleiterin bei OceanCare

Nur in ihrer natürlichen Umgebung in den Weiten des Ozeans können sich Delfine artgerecht entfalten und legen in ihren Familienverbänden auf der Suche nach Nahrung weite Distanzen zurück.

Quelle: Welt der Tiere

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OceanCare

Seit 1989 setzt sich OceanCare für den Schutz der Meeressäuger und
der Ozeane ein. Mit Forschungs- und Schutzprojekten, Umweltbildungskampagnen sowie dem Engagement im Bereich der Gesetzgebung verschafft sich die Schweizer Orga­nisation weltweit Gehör und setzt Verbesserungen durch.

OceanCare
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