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Eidechsen – die flinken Zaungäste

Wer kennt sie nicht, die pfeilschnellen und neugierigen Mauereidechsen, die uns im Sommerhalbjahr fast allgegenwärtig auf jeder Wanderung durchs Tessin begleiten? Sie besiedeln das Mauerwerk am Wegrand, alte Rustici und Ruinen, Fels und Geröll, aber auch Weinberge, Strassenborde und sogar Dörfer und Städte. Mit etwas Glück lässt sich im Tessin aber auch die wunderschöne Smaragdeidechse beobachten, mit einer Länge von bis zu 36 cm die grösste einheimische Eidechsenart. Allerdings sind Eidechsenvorkommen keineswegs auf die wärmsten Landesteile beschränkt: Eigentlich besiedeln die flinken Reptilien die ganze Schweiz – vorausgesetzt, sie finden noch die geeigneten Lebensräume.

Eidechse

 
Anno 1913 konnte man in Brehms Tierleben nachlesen, dass die Zauneidechse hierzulande durchaus «allverbreitet und überall gemein» sei und dass die Tiere an einer Vielzahl von Aufenthaltsorten anzutreffen wären. Sicherlich waren in der Kulturlandschaft von damals Feldraine und Wegböschungen, Hecken und magere Weiden und Wiesen noch zahlreicher vorhanden als heute und mit ihnen auch die Zauneidechse.

Die Zauneidechse – einst häufiger Bewohner unserer Kulturlandschaft

Zauneidechse

Ihr Name rührt im Übrigen daher, dass man die Art vielfach entlang von Säumen und Grenzen beobachten kann, wo häufig Zäune stehen und die Eidechsen finden, was für sie überlebenswichtig ist: nahrungs- und versteckreiche Altgrasstreifen, Lesesteinhaufen und Holzbeigen zum Sonnen, Gebüsche und Mäuselöcher. Wie die anderen einheimischen Eidechsen auch, ernährt sich die Zauneidechse hauptsächlich von Wirbellosen – Käfern, Heuschrecken, Fliegen, Spinnen. Die kräftige, bis 22 cm lange Eidechse kommt in der Schweiz vor allem im Mittelland und in den tieferen Lagen der grossen Alpentäler vor, die kühlen Gebirgsregionen meidet sie in der Regel. Aber gerade im Flachland ist der Druck auf die Zauneidechsenlebensräume durch den Bau neuer Siedlungen und Verkehrswege sowie eine zunehmend intensive Landwirtschaft besonders hoch, und vielerorts ist die Zauneidechse selten geworden oder ganz verschwunden. Sie gehört inzwischen zu den gefährdeten Reptilienarten der Schweiz. Zwar würde die Zauneidechse auf naturnahen Flächen auch am Rand von Dörfern und Städten ihr Auskommen finden, aber da sie relativ langsam ist und schlecht klettert, wird sie hier sehr häufig das Opfer von Hauskatzen. Ihr eigentliches Rückzugsgebiet im Schweizer Mittelland sind heute Strassen- und vor allem Eisenbahnborde, die nicht ganz so intensiv genutzt werden wie das umliegende Grünland.

Entgegen der landläufigen Meinung, Eidechsen und andere Reptilien seien vor allem an möglichst heissen, sonnigen Sommertagen zu finden, lassen sich gerade Zauneidechsen eher bei feuchtwarmem, wechselhaftem Wetter beobachten. Achten Sie auf einem ausgedehnten Spaziergang im Mai oder Anfang Juni besonders auf die herrlich grün gefärbten Zauneidechsenmännchen! Die gut getarnten Tiere sitzen gerne an Böschungen oder Waldrändern und sonnen sich an vegetationsfreien Stellen, auf Holzstössen oder Lesesteinhaufen. Sobald die Paarungszeit vorbei ist, verschwindet die grüne Färbung, und bereits im Hochsommer sind die Männchen optisch nur noch schwer von den braun-beigen Weibchen zu unterscheiden. Im Tessin, in den Bündner Südtälern und in weiten Teilen des Wallis suchen wir die Zauneidechse allerdings vergebens: Hier lebt die nah verwandte, aber wärmebedürftigere Smaragdeidechse. Bei dieser Art sind die Männchen ganzjährig grün gefärbt, und auch die Weibchen zeigen häufig eine Grünfärbung.

Unscheinbar, aber erfolgreich

Waldeidechse

Die Waldeidechse ist die kleinste einheimische Eidechsenart und wird nur etwa 15 cm lang. Auch ihre Färbung ist unspektakulär – ganz im Gegensatz zu ihrer Lebensweise. Keine andere Eidechsenart ist besser an das harsche Bergklima angepasst, und anders als die Zaun- oder die Smaragdeidechse besiedelt die Waldeidechse eher kühle und  feuchte Lebensräume. Im Flachland sind das in der Regel Moore oder Waldlichtungen, richtig häufig finden wir die Waldeidechse aber beispielsweise auf trockenmauergesäumten Juraweiden oder in den Alpen, wo die Art noch Höhenlagen von gegen 3’000 Meter ü. M. besiedelt! Kein Wunder wird die Waldeidechse im deutschen Sprachgebrauch häufig auch als Bergeidechse bezeichnet. Im Gegensatz zu den anderen, eierlegenden einheimischen Eidechsenarten bringt die Waldeidechse lebende Junge zur Welt. Auch das ist eine Anpassung an die rauen Lebensräume, wo die Temperaturen nicht mehr ausreichen würden, um die abgelegten Eier reifen zu lassen. Waldeidechsen lassen sich praktisch auf jeder Bergwanderung beobachten, gerade auch bei bedecktem oder kühlem Wetter. Gerne sitzen die Tiere an windgeschützten Stellen – etwa inmitten eines Zwergwacholderstrauchs oder am Fuss eines Felsblocks – und absorbieren mit abgeplattetem Körper die spärlichen Sonnenstrahlen.

Blinde Passagiere

Mauereidechse

Während vor allem die Zaun- und die Smaragdeidechse vielerorts selten geworden sind, scheint die vierte einheimische Eidechsenart auf dem Vormarsch zu sein. Die überaus anpassungsfähige Mauereidechse besiedelt neben natürlichen Habitaten auch zahlreiche Lebensräume im Siedlungsraum, und selbst in Städten wie Zürich oder Bern finden sich heute grosse Bestände dieser grazilen, bis gut 20 cm langen Eidechsenart. Besonders häufig treffen wir sie entlang von Bahngeleisen und auf Bahnhofsarealen an. Das ist kein Zufall: Die Mauereidechse wird nicht selten als blinder Passagier mit Zügen von der Alpensüdseite in die Nordschweiz verschleppt. In den trockenwarmen Gleisanlagen finden die Tiere einen geeigneten Lebensraum und gründen neue Populationen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Mauereidechse so an zahlreichen Stellen der Zentral- und Nordostschweiz etabliert, wo sie vorher nicht vorgekommen ist.

Mehr Kleinstrukturen für Eidechsen – überall!

Smaragdeidechse

Wer den heimischen Eidechsen helfen will, unterstützt in erster Linie eine naturnahe Landwirtschaft, welche die Kulturlandschaft nicht nur als Produktionsfläche nutzt, sondern auch als Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten pflegt und fördert. Eidechsen sind mit wenig zufrieden: Wenn wieder etwas mehr Platz ist für extensive Altgrassäume, für Hecken und für Kleinstrukturen wie Trockenmauern, Lesesteinhaufen und Holzstapel, dann kehren auch die Eidechsen in die Kulturlandschaft zurück. Ähnliches gilt für Strassen- und Eisenbahnböschungen sowie Grünflächen in zahlreichen Gemeinden. Eine extensivere Pflege und das Stehenlassen von Altgrassäumen würden nicht nur Kosten sparen, sondern auch Lebensraum für Eidechsen und viele andere Kleintiere schaffen. Auch hier lassen sich zudem Kleinstrukturen anlegen, die rasch von Eidechsen besiedelt werden. Wie das geht, zeigen die neuen Merkblätter der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (siehe Kasten).

Grundsätzlich kann man auch im Privatgarten viel für Eidechsen tun. Steinhaufen, Trockenmauern oder Holzbeigen sind auch hier willkommene Lebensraumelemente für Reptilien. Allerdings dürfen die Erwartungen nicht zu hoch sein. In der Regel ist ein Privatgarten zu klein, um eine funktionierende Eidechsenpopulation zu beherbergen, häufig stimmt auch das Klima nicht oder es hat zu viele Hauskatzen. Nur im Verbund mit benachbarten, eidechsenfreundlichen Flächen kann ein Garten als Teillebensraum funktionieren, und in diesem Fall werden Eidechsen auch spontan einwandern und bleiben. Daher eine grosse Bitte: Verzichten Sie unbedingt auf Ansiedlungsversuche! Sie sind nicht nur illegal und meistens erfolglos, sie schädigen auch die Population, aus der die Tiere entnommen werden. Auch wenn sich partout keine Eidechsen in Ihrem liebevoll gestalteten Naturgarten einfinden wollen, dient er sicher zahlreichen anderen Tier- und Pflanzenarten als Refugium!

Hinweis zum Autor
Andreas Meyer ist bei der karch für den Fachbereich Reptilien zuständig

Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (karch)

1979 gegründet, hat sie die Aufgabe, die Lebensbedingungen der einheimischen Lurche und Kriechtiere zu verbessern und ihre Populationen zu erhalten. Die karch ist auch Auskunfts- und Dokumentationsstelle für nationale, kantonale und kommunale Ämter, für Naturschutzorganisationen und für Privatpersonen. Das Spektrum der Dienstleistungen reicht von telefonischen Auskünften über den Versand von Informationsmaterial aller Art bis hin zu umfangreichen Beratungen hinsichtlich Schutz- und Fördermassnahmen. Auf ihrer Website bietet die karch kostenlos verschiedene Merkblätter und Broschüren an, die helfen und motivieren sollen, sich für Amphibien und Reptilien zu engagieren, beispielsweise die erwähnten Anleitungen zum Bau von reptilienfreundlichen Kleinstrukturen. Auch diverse Bücher können über die Website bestellt werden.

Haben Sie Eidechsen beobachtet? Bitte melden!

Die karch führt auch die schweize­rische Verbreitungsdatenbank der Amphibien und Reptilien. Diese Datenbank steht für Zwecke des Natur- und Artenschutzes und der Wissenschaft zur Verfügung. Falls Sie Amphibien oder Reptilien beobachtet haben, nimmt die karch Ihre
Meldung gerne entgegen. Mit Ihrer Meldung leisten Sie einen wertvollen Beitrag zur Kenntnis und zum Schutz der heimischen Arten. Herzlichen Dank! Meldungen bitte schriftlich an die karch oder besser online unter www.karch.ch (Rubrik «Beobachtungen melden»)

Für weitere Auskünfte und Dokumentationen:
Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz
in der Schweiz (karch)
info[at]karch.chwww.karch.ch

Quelle: Welt der Tiere

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