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Fledermäuse – altbekannte Unbekannte

Das flauschige Fell ist kuschelig weich, die dunklen Knopfäuglein schauen unternehmungslustig in die Welt und die Öhrchen drehen immer wieder hin und her – aus der Nähe betrachtet sind Fledermäuse so ganz anders, als man sich das gemeinhin vorstellt. Und wie verschieden sie doch sind! Mit weissem Bauchfell und goldenen oder silbrigen Rückenhaarspitzen sind einige geradezu «farbig», andere sind einfach nur braun. Da sind die mit den riesengrossen und spitzen Ohren und solche mit kleinen und runden, die mit Stupsnasen und andere mit eigentlichen Hundeschnauzen! In der Schweiz kennt man 30 Fledermausarten – das ist ein Drittel der wildlebenden einheimischen Säugetierarten.

Hans-Peter B. Stutz

Die Fledermaus gibt es nicht!

Die Artenvielfalt bei den Fledermäusen wird unterschätzt. In Tat und Wahrheit ist sie sehr beeindruckend. Allein im Mittelland trifft man regelmässig 15 Arten an, also rund die Hälfte aller einheimischen. Das ist kein Miteinander, sondern ein Nebeneinander, denn sie gehen sich aus dem Weg. Nur dank extremer Spezialisation finden alle gleichzeitig ein Auskommen. Die verschiedenen Fledermausarten haben ein unterschiedliches Äusseres, weil sie unterschiedlich leben. Sie unterscheiden sich in der Nahrung, der Flugweise, der Jagdstrategie und auch in der Wahl der Verstecke.

Kirchen und Laufkäfer

Mausohren verschlafen den Tag vornehmlich in Kirchen, zu hunderten kopf­über im Dachgebälk hängend. Wenn es dunkel wird, fliegen sie aus. Sie jagen aber nicht im Kirchenhof oder im Schein der Strassenlampen, sondern sie fliegen knapp über dem Boden auf immer denselben Flugschneisen bis zu 20 Kilo­meter weit in ihre Jagdgebiete. Meist sind dies hallenartige Buchenwälder oder auch Viehweiden, gemähte Wiesen oder frisch abgeerntete Winterweizenfelder. Wichtig ist der problemlose Bodenzugang, denn auf dem Speisezettel stehen hauptsächlich Laufkäfer. Im Such­flug knapp über dem Boden kreisend, hören Mausohren mit ihren gros­sen Ohren die Krabbelgeräusche der Käfer und setzen zum Sturzflug an. Ihre Jagd dauert bis zum Morgengrauen.

Baumhöhlen und «Fastfood»

Abendsegler schlafen tagsüber gerne in einer vom Specht verlassenen Baumhöhle. Sie fliegen oft schon bei Sonnenuntergang aus. Am Waldrand und über Flüssen und Seen, meist hoch am hellen Abendhimmel und den Schwalben zum Verwechseln ähnlich jagen sie kleine und grosse Falter und Käfer. Wird es dunkel, so fliegen sie tiefer und sind nun hinter den schwärmenden Köcherfliegen her. Als Fastfooder haben sie bereits nach einer bis zwei Stunden die Hälfte ihres Körpergewichts an Insekten gefressen und kehren zum Verdauungsnickerchen in ihre Baumhöhle zurück. Bleibt es nachts mild, so fliegen sie vor Sonnenaufgang nochmals zum zweiten grossen Fressen aus.

Brückenspalten und Stechmücken

Wasserfledermäuse verstecken sich im Wald in hohlen Bäumen, zwängen sich an Brücken in enge Spalten oder hängen im Pulk in Bootshäusern. Sie fliegen erst bei völliger Dunkelheit aus. Im Tiefflug, nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche, ergreifen sie mit den Füssen Insekten, die ins Wasser fallen und ganz speziell jene, die als Larven im Wasser lebten und nun schlüpfen und auftauchen. Durchschnittlich alle vier Sekunden peilt eine Wasserfledermaus eine Beute an – und sie frisst in einer Nacht gut und gerne 3000 Stück: Eintagsfliegen, Steinfliegen und Mücken.

Bauernhöfe und Ohrenmüggel

Langohren schmiegen ihre langen Ohren im Schlaf zusammengefaltet eng an den Körper. Sie schlafen an vielerlei Orten wie in Baumhöhlen, Vogelnistkästen, Fledermauskästen und Dachstöcken. Ihre Welt ist die der traditionellen Bauernhöfe und der lichten Wälder. In der Dämmerung flattern sie los, ganz schnell, dann plötzlich stop, sie verharren für einen Augenblick an Ort und gleich geht es wieder rasant weiter. Langohren hören selbst die leisesten Krabbelgeräusche und lesen ihre Beute, im Rüttelflug kurz in der Luft verharrend, von Hausmauern, Baumstämmen und Blättern ab: Falter, Raupen, Spinnen, Ohrenmüggel ...!

Jedem Tierchen sein Pläsierchen

Da alle einheimischen Fledermausarten artspezifische Ansprüche an ihre Umwelt stellen, müssen konsequenterweise auch die Schutz- und Fördermassnahmen artspezifisch sein. Grundsätzlich geht es einerseits um die Erhaltung der Verstecke, insbesondere um Jungenaufzucht- und Winterschlafverstecke. Andererseits geht es um die Förderung von insektenreichen Jagdflugräumen. Von den einheimischen Fledermausarten gelten mehr als die Hälfte als gefährdet und einige drohen gar auszusterben. Sie alle sind darum bundesrechtlich geschützt. Der Vollzug und die Umsetzung der Schutzmassnahmen ist Aufgabe der Kantone (siehe Infokasten).

Selber etwas für Fledermäuse tun!

Es gilt bei Gebäuden die Devise «Wo Fledermäuse hausen, ist die Welt in Ordnung». Also: Hände weg von Fledermausverstecken. Auch gut gemeinte Verbesserungen können die scheuen Untermieter vertreiben. Im Sommer bestehen Fledermauskolonien fast ausschliesslich aus Weibchen, die dort ihr Junges – meist nur eines pro Muttertier – zur Welt bringen. Solche Verstecke nennt man Wochenstuben und sie werden oft über Jahre von denselben Müttern, ihren Töchtern und deren Töchtern besiedelt, also über Generationen hinweg. Die Männchen leben den Sommer über häufig solitär.

Wo Fledermäuse keinen Unterschlupf finden, kann man Fledermauskästen aufhängen. An Gebäuden ersetzen diese fehlende Spalten in Fassaden und im Dach, und im Wald und Obstgarten fehlende Baumhöhlen. Gartenbaucenter bieten vorfabrizierte Fledermauskästen an und man kann sie auch selber bauen (siehe Infokasten).

Neben den Verstecken braucht es vielfältige Insektenangebote. Nachtfalter und andere Beuteinsekten fördert man im eigenen Garten, ja selbst auf Dachterrassen und auf dem Balkon, indem man duftende Kräuter und Stauden und in der Nacht blühende Blumen anpflanzt. Grossartige Jagdbiotope sind auch Gartenweiher.

Wer sich für Fledermäuse einsetzt, bekommt als Dank jeden Abend eine eindrückliche Flugshow geboten, die sogar zur Soundshow wird, wenn man einen Fledermausdetektor einsetzt und die Ultraschallrufe der Flatterer hörbar macht.

Und wer eine verirrte, erschöpfte oder verletzte Fledermaus findet, dem hilft das Nottelefon und die Pflegestation der Stiftung Fledermausschutz weiter (siehe Infokasten).   



Hans-Peter B. Stutz ist Geschäftsführer
 der Stiftung Fledermausschutz

Quelle: Welt der Tiere

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Stiftung Fledermausschutz

Die Stiftung Fledermausschutz betreibt seit Jahrzehnten mit einer Fülle von Informationsmaterial intensive Öffentlichkeitsarbeit nach dem Motto «Fledermäuse brauchen unsere Sympathie», um die Vorurteile breiter Bevölkerungskreise diesen heimlichen, aber nicht unheimlichen Säugetieren gegenüber abzubauen. Sie engagiert sich für die Aus- und Weiterbildung von Schülerinnen und Schülern, Fledermausschützenden und Berufsleuten, die mit Fledermäusen in Kontakt kommen. Diese Sympathiewerbung für Fledermäuse finanziert die Stiftung Fledermausschutz mit den Beiträgen ihrer Gönnerinnen und Gönner aus dem Spendenkonto PC 80-7223-1.
Die Stiftung Fledermausschutz ist zudem vom BAFU (Bundesamt für Umwelt) beauftragt, die Fledermausschutzaktivitäten in der östlichen Landeshälfte zu koordinieren (Leistungsauftrag «Schweizerische Koordinationsstelle für Fledermausschutz», Projektteil Ost). Sie arbeitet hierfür in 19 Kantonen mit den zuständigen «Kantonalen Fledermausschutz-Beauftragten» und rund 500 speziell ausgebildeten und ehrenamtlich tätigen «Lokalen Fledermausschützenden» zusammen. Nur dank dem finanziellen Engagement von Bund und Kantonen und dem enormen Leistungswillen aller ehrenamtlichen Fledermausschützenden gelingt es immer wieder, wichtige Standorte zu sichern und Lebensräume für Fledermäuse zu fördern. All diesen Personen gebührt an dieser Stelle auch ein herzliches Dankeschön.

www.fledermausschutz.ch, fledermaus@zoo.ch
Fledermausschutz-Nottelefon für FinderInnen verirrter, erschöpfter und verletzter Fledermäuse: 079 330 60 60