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Hilfe für den Alpenbock

Jahrelang lebt der Alpenbock als unscheinbare Larve in abgestorbenem Buchenholz. Dann verwandelt er sich in einen der prächtigsten Käfer Europas. Doch der Alpenbock ist nicht nur eine Schönheit, sondern auch eine Rarität: Weil er zu wenig geeignete Nistplätze findet, ist er europaweit bedroht. Pro Natura und die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL setzen sich dafür ein, dass sich der Alpenbock wieder ausbreitet. Viel braucht es eigentlich nicht dazu – ausser toten Buchenstämmen.

© Bild: Adrien Zeender, Pro Natura

Er ist mindestens so hübsch wie sein lateinischer Name: Rosalia alpina, der Alpenbock, ist der Schönheitskönig unter den einheimischen Käfern. Sein eineinhalb bis fast vier Zentimeter langer Körper ist graublau bis leuchtend hellblau gefärbt. Auf dem Halsschild und auf den Flügeldecken trägt er schwarze, samtige Flecken. Die imposanten Fühler mit den schwarzen Haarbüscheln sind beim Männchen fast doppelt so lang wie der Körper, beim Weibchen gut körperlang. Ein unverkennbarer Käfer also, einzigartig – und vor allem extrem selten. Der Alpenbock ist in ganz Europa gefährdet und geschützt. Denn seine Larven sind auf totes, besonntes Buchenholz angewiesen. Und solches ist in unseren intensiv bewirtschafteten und aufgeräumten Wäldern Mangelware.

Vergängliche Schönheit
In der Schweiz zeigt sich der Alpenbock vor allem in den wärmebegünstigten Gebieten des Juras, Wallis, Tessins und des Churer Rheintals. Im Juli und im August nagen sich die Käfer aus dem Holz. Das Erwachsenenleben der prächtigen Tiere dauert nur wenige Wochen. Diese kurze Zeit gilt es für die Fortpflanzung zu nutzen: Die Männchen suchen sich ein kleines Revier auf der Sonnenseite eines abgestorbenen Buchenstammes. Dort warten sie mit dem Kopf nach unten auf vorbeifliegende Käferdamen. Allfällige Nebenbuhler werden mit Bissen und Stössen vertrieben.

Fliegt ein Weibchen an, versucht sich das Männchen mit ihm zu paaren. Die beiden Tiere bleiben etwa eine Stunde beieinander. Der eifersüchtige Liebhaber bewacht seine Partnerin wenn möglich bis zur Eiablage. Das begattete Weibchen sucht das Totholz mit Mundtastern und Legeröhre nach Trockenrissen oder Löchern ab. Fündig geworden, legt es die Eier einzeln in die Ritzen hinein und klappt dabei seine Antennen kurz nach hinten.

Entwicklung in der Dunkelheit
Rosalia alpina verbringt den weitaus grössten Teil des Lebens im Verborgenen. Frisch aus dem Ei geschlüpft, fressen die Larven zuerst unter der Rinde und im Splintholz, bevor sie sich immer tiefer ins Holz hineinbohren. Im Unterschied zu anderen im Holz lebenden Käfern hinterlassen Alpenbocklarven kein loses Holzmehl, sondern pressen das Material sorgfältig in ihren Frassgängen zusammen. So können mehrere Larven dicht beieinander in einem Holzstück leben, ohne dass von aussen Spuren sichtbar wären.

Zwei bis vier Jahre verbringt die Larve im toten Holz. Vor der letzten Überwinterung stösst sie wieder in Richtung Rindenoberfläche vor. Dort legt sie im Frühling eine Puppenkammer an, bohrt einen Ausschlüpfgang vor und verstopft ihn wieder fein säuberlich. Nach der Verpuppung kämpft sich der Käfer durch diesen rund zehn Zentimeter langen Gang ins Freie. Trotz Vorspurarbeit als Larve ein hartes Stück Arbeit: Rund eine Stunde benötigt das Tier, wobei die Nagegeräusche von aussen gut hörbar sind. Zurück bleibt ein ovales Loch, sechs bis elf Millimeter lang und vier bis sieben Millimeter breit.

Brennholzstapel wird zur Falle
Zu oft kommt es jedoch nicht so weit. Der Alpenbock ist nämlich in Not: Unsere Wälder sind über lange Zeit intensiv genutzt und fast penibel aufgeräumt worden. Tote Stämme, längere Baumstrünke, abgebrochene Äste wurden rasch beiseite geräumt. Dem Alpenbock fehlte trockenes Totholz für die Entwicklung seiner Larven. Seit ein paar Jahrzehnten gibt es im Schweizer Wald zwar wieder etwas mehr abgestorbenes Holz, doch stehen die Bäume meist so dicht, dass die Sonne es nicht zu trocknen vermag. Gut besonntes, trockenes Buchenholz finden die Alpenbockkäfer deshalb oft nur noch in einer Form: als Brennholzbeigen. Darin legen die Weibchen mangels Alternativen ihre Eier ab. Die Folgen sind fatal, denn das Holz wird in der Regel vor dem Ausfliegen der Käfer entfernt und verfeuert. Die Alpenbocklarven enden im Cheminée.

Brennholzstapel können zur tödlichen Falle für den Alpenbock werden.
© Bild: André Stapfer

 

Käferbuffet klärt Vorlieben
Um den Alpenbock vor dem Aussterben zu bewahren, hat Pro Natura mit fachlicher Unterstützung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL 2004 ein Artenschutzprojekt gestartet. Die Bestände des einzigartigen Käfers sollten mit möglichst einfachen Massnahmen gefördert werden.

Damit die Alpenbockkäfer von den verhängnisvollen Brennholzbeigen ablassen, musste ihnen eine andere, attraktivere Eiablagestelle geboten werden. Doch womit liessen sich die Käfer wohl am ehesten locken? Hier konnte Pro Natura auf die Forschungsergebnisse von Peter Duelli von der WSL zurückgreifen. Der Insektenforscher hatte nämlich bereits mit so genannten Käferbuffets experimentiert. An drei bekannten Alpenbock-Standorten liess er mehrere Buchenstämme verschiedener Länge und Dicke aufstellen oder herumliegen. So fand er heraus, worauf Alpenbockkäfer am meisten fliegen: auf lange, dicke, stehende Stämme.

Simple Erste-Hilfe-Massnahmen
Pro Natura schrieb deshalb kurzerhand eine Belohnung von 100 Franken aus für das Aufstellen von Buchenstämmen, etwa neben einem Brennholzstapel, oder das Freistellen alter Buchen in einem sonnigen Bestand. Der Aufruf war erfolgreich, geeignete Standorte wurden festgelegt, die Massnahmen umgesetzt. Und dann war Geduld gefragt. Denn ob der Alpenbock sich in diesen Stämmen tatsächlich erfolgreich fortpflanzen würde, liess sich erst nach der mehrjährigen Entwicklungszeit der Larven feststellen. Einige Jahre nach dem Aufstellen wurden die Buchenstämme also wieder aufgesucht und auf Ausschlupflöcher des Alpenbocks untersucht.

Der Einsatz hat sich gelohnt
Und tatsächlich: Aus rund der Hälfte der untersuchten Stämme sind Käfer geschlüpft. Da die meisten Stämme über das Projekt hinaus stehen bleiben, sind weitere Bruterfolge zu erwarten. An diesen Erfolg möchte Pro Natura nun anknüpfen. Ein Folgeprojekt ist bereits in Planung. Denn Baumstämme aufzustellen, ist zwar eine wirksame Erste-Hilfe-Massnahme. Längerfristig soll der Alpenbock aber wieder vermehrt natürliche Brutmöglichkeiten erhalten. Alte, geschädigte oder abgestorbene Buchen an sonnigen Standorten sollen über längere Zeit stehen bleiben dürfen. Auf Windwurfflächen oder bei Holzschlag können ebenfalls einzelne Buchenstämme oder hohe Baumstrünke belassen werden. So soll der Alpenbock allmählich wieder genügend Eiablageplätze finden – damit der wunderschöne Käfer auch die kommenden Generationen noch in Erstaunen versetzen kann.

Pro Natura – für mehr Natur, überall!

Das Projekt zur Förderung des Alpenbocks ist eines von zahlreichen Artenschutzprojekten von Pro Natura. Pro Natura ist die führende Organisation für Naturschutz in der Schweiz. Sie verteidigt engagiert und kompetent die Inte­ressen der Natur. Entschlossen und konsequent setzt sie sich für die Förderung und den Erhalt der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt ein. Ihre Ziele verfolgt Pro Natura mit politischem und praktischem Naturschutz sowie Bildungs- und Informationsarbeit. Sie plant, realisiert und fördert Projekte für gefährdete Arten und Lebensräume und vertritt als Anwältin der Natur deren Interessen. Pro Natura motiviert immer mehr Menschen dazu, der Natur Sorge zu tragen. Zu den Pioniertaten der 1909 gegründeten Organisation gehört die Schaffung des Schweizerischen Nationalparks. Heute betreut Pro Natura über 600 Naturschutzgebiete und ein Dutzend Naturschutzzentren in der ganzen Schweiz. Als privater, gemeinnütziger Verein ist Pro Natura auf Mitgliederbeiträge und Spenden angewiesen. Pro Natura zählt rund hunderttausend Mitglieder und ist mit ihren Sektionen in allen Kantonen der Schweiz aktiv.

Für weitere Informationen: www.pronatura.ch

Quelle: Welt der Tiere

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