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Greifvögel - Krummer Schnabel und spitze Krallen

Ein Januartag am Bodensee. Es ist bitterkalt, obschon die Sonne am klaren Himmel steht. In einer Bucht ruht sich eine Schar Enten von der aufwändigen Nahrungssuche aus. Aber wer glaubt, dass die Vögel schlafen, wird urplötzlich eines Besseren belehrt. Mit einem Mal erheben sie sich in die Luft und suchen das Weite. Kurz darauf wird der Grund dafür klar: In reissendem Flug nähert sich ein Wanderfalke. Trotz seiner hohen Geschwindigkeit folgt er dem Schwarm mühelos bei jeder Wendung. Mit Leichtigkeit holt er ihn ein und sticht auf eine Pfeifente nieder, die getroffen nach unten taumelt. Der Wanderfalke setzt ihr nach und landet mit ihr auf einer Kiesinsel, wo er sofort beginnt, sein Opfer zu rupfen.

Der Habicht (hier ein Jungvogel) jagt Vögel und verkörpert damit wie kaum ein anderer Greifvogel die Vereinigung von Schnelligkeit, Kraft und hervorragender Sehleistung.

Mit ihren artistischen Flugleistungen, ihren scharfen Sinnen und ihren spitzen Waffen beherrschen Greifvögel den Himmel. Als Wappentiere verkörpern sie Macht und Stärke. Und dennoch sind sie verletzlich: Nur die Hälfte der Schweizer Greifvögel gilt als nicht gefährdet. Gegen das Wirken des Menschen bieten ihre Waffen keinen Schutz.

Der Name «Greifvogel» weist auf ein typisches Merkmal dieser Vogelgruppe hin: die Jagd mit Hilfe der krallenbewehrten Füssen. Ein Steinadler kann damit selbst wehrhafte, grössere Tiere wie einen Fuchs überwältigen. Der Schnabel der Greifvögel wiederum ist ein hochentwickeltes Mehrzweckinstrument. Er dient dem Zerlegen der Beute, der Gefiederpflege und dem Nestbau. Falken töten ihre Beute gar mit einem gezielten Nackenbiss.

Perfekt angepasste Jäger
Greifvögel haben die unterschiedlichsten Strategien bei der Nahrungsbeschaffung entwickelt. Das führt dazu, dass sich Greifvögel im Flugstil und dem dafür erforderlichen Körperbau stark unterscheiden. Schnelle Flieger wie die Falken sind an ihren schlanken, spitzen Flügeln erkennbar, die es ihnen erlauben, in rasendem Flug zuzuschlagen. Der Wanderfalke kann im Sturzflug mit angezogenen Flügeln Geschwindigkeiten von 184 km/h erreichen, wie die Vogelwarte Sempach mit einem Zielfolgeradargerät ermittelte. Eine spezielle Flugtechnik zeigt der nahe verwandte Turmfalke: Der Rüttelflug ermöglicht es ihm, in der Luft an Ort zu verharren und nach Mäusen Ausschau zu halten. In der Schweiz brütet mit dem Baumfalken zudem ein weiterer Luftakrobat, der Insekten und Vögel im Flug verfolgt und fängt.

Im Gegensatz zu Falken haben Segelflieger breite und abgerundete Flügel, mit deren Hilfe sie in aufsteigender Warmluft und in Aufwinden an Berghängen und Küsten mühelos Höhe gewinnen. Sehr wichtig ist der Segelflug auf dem Zug, denn er ist eine sehr energiesparende Fortbewegungsmethode. Einen Nachteil hat er dennoch: Weil es über dem Wasser keine warmen Aufwinde gibt, müssen die meisten Greifvögel grosse Wasserflächen umfliegen. Von den in der Schweiz brütenden Greifvögeln sind Steinadler, Bartgeier, Mäuse- und Wespenbussard sowie Rot- und Schwarzmilan regelmässig beim Kreisen am Himmel zu beobachten.

Breite und kurze Flügel sind das Kennzeichen von besonders wendigen und beweglichen Jägern wie dem Sperber und dem Habicht. Sie jagen vorwiegend im Wald und überraschen ihre Beute, meist Vögel, mit Blitzangriffen aus der Deckung heraus.

Korn-, Wiesen- und Rohrweihe werden beinahe nur auf dem Durchzug in der Schweiz beobachtet. Sie sind Spezialisten des Pirschflugs. Aus geringer Höhe suchen sie Felder und Wiesen im langsamen Flug nach Beutetieren ab, wobei sich Phasen mit aktiven Flügelschlägen und ruhige Gleitphasen abwechseln. Mit nach unten gerichtetem Kopf erspähen sie auch kleinste Beutetiere und greifen sie nach einem kurzen Sturzflug.

Mit Adleraugen
Verschiedene Sehleistungen bewirken, dass Greifvögel die Welt ganz anders wahrnehmen als wir Menschen. Weil sie viel mehr Sehzellen pro Flächeneinheit besitzen (beim Mäusebussard sind es 5 –6 Mal mehr), sehen sie wesentlich schärfer als wir. Zudem lassen Untersuchungen vermuten, dass Greifvögel die Möglichkeit haben, Bilder mit einer Zoom-Funktion ihrer Augen stark zu vergrössern. Schliesslich ist auch ihr Kontrast- und Farbempfinden viel feiner als beim Menschen. Wo wir nur Weiss sehen, kann ein Steinadler leicht ein weisses Alpenschneehuhn im Schnee ausmachen.

Jäger und Gejagte
Greifvögel bewohnen verschiedenste Lebensräume, von den Tieflagen bis zur Schneegrenze. Die Voraussetzung für ihre Anwesenheit ist ein ausreichendes Angebot an Beutetieren, mehrheitlich Säugetieren und Vögeln. Kleinere Greifvögel jagen Insekten, andere geben sich auch mit Aas zufrieden oder stellen Fischen und Fröschen nach. Je grösser die Vögel sind, umso weiträumiger sind in der Regel ihre Reviere. Grosse Arten wie der Steinadler leben von recht schweren Beutetieren – und diese sind in viel geringerer Dichte vorhanden als Kleinsäuger. Ein Turmfalkenpaar findet schon auf einem Quadratkilometer sein Auskommen. Ein Steinadlerpaar in den Alpen benötigt hingegen ein Revier von durchschnittlich 50 km2.

Der Wespenbussard frisst vor allem Wespenlarven und -puppen. Diese sind auch die Hauptnahrung für die heranwachsenden Jungvögel. Der Bartgeier wiederum ist ein Aasfresser, und Knochen sind ein wichtiger Teil seiner Nahrung. Sind diese zu gross, so trägt er sie in die Luft und lässt sie aus 50 bis 80 Metern Höhe auf Felsen fallen, wo sie in schnabelgerechte Trümmer zersplittern.

Partnerwahl
Im Vorfrühling beginnt bei vielen Greifvögeln die Balz. Mäusebussarde und andere Arten vollführen dann spektakuläre Kunstflüge. Damit beeindrucken die Männchen mögliche Partnerinnen und markieren gleichzeitig ihr Revier. Mit der Balz stimmen sich die Partner auf die Paarung und die Aufzucht ihres Nachwuchses ein. Viele Greifvogelpaare bleiben das ganze Leben zusammen, dennoch balzen sie jeden Frühling.

Das starke Geschlecht sind bei den meisten Greifvögeln die Weibchen. Besonders gross sind die Unterschiede beim Sperber, einem ausgesprochenen Vogeljäger: Das um einen Drittel grössere Weibchen beschützt die Jungen im Horst, während das kleinere, wendigere Männchen in der Umgebung des Nestes im Wald jagt, um das Weibchen und den Nachwuchs zu ernähren. Bei den Greifvögeln brüten nur die Weibchen; bei kleinen Arten dauert die Brutzeit drei bis vier, bei grösseren sechs bis acht Wochen. Anschlies­send müssen die Jungvögel mindestens ebenso lange im Nest aufgezogen werden. Die Betreuung des Nachwuchses nach dem Ausfliegen dauert beim Turmfalken einen Monat und beim Steinadler sechs Monate!

Unterwegs
Unter den Greifvögeln gibt es ausgeprägte Zugvögel wie den Baumfalken oder den Wespenbussard. Sie sind auf Insektennahrung angewiesen und verbringen das Winterhalbjahr im tropischen und südlichen Afrika. Andere Greifer sind Teilzieher. Beim Mäusebussard etwa wandern die nördlicheren Populationen im Herbst zu einem grös­seren Teil ab und überwintern in Mittel- und Südeuropa. Die südlicheren Populationen hingegen sind eher sesshaft oder bringen nur kürzere Strecken hinter sich. So ziehen fast sämtliche finnischen Mäusebussarde und legen bis ins Winterquartier im Mittel rund 1800 km zurück, wogegen die Schweizer Vögel hauptsächlich in den ersten Lebensjahren wandern und dabei durchschnittlich nur 320 km weit kommen.

Bedrohte Vielfalt
Greifvögel lieferten und liefern immer wieder Stoff für echte oder vermeintliche Konflikte. So standen sie als verhasste Nahrungskonkurrenten oder als gefährliche «Schädlinge» über Jahrhunderte zuoberst auf den Abschusslisten. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden von Bund und Kantonen Prämien für den Abschuss von «Raubvögeln» bezahlt. Deshalb wurde der Steinadler in den Alpen stark dezimiert und brauchte fast hundert Jahre, bis sich seine Bestände wieder erholt hatten. Der Bartgeier war in den Alpen sogar ausgerottet und ist nur dank eines erfolgreichen Wiederansiedlungsprogramms als Brutvogel zurückgekehrt.

Heute sind alle einheimischen Greifvogelarten geschützt. Dennoch steht jede zweite auf der Roten Liste! Die schleichende Verarmung der Lebensräume und die Übernutzung unserer Landschaften stellen die momentan grösste Bedrohung für unsere Greifvögel dar. So ist das Beutetierangebot im Kulturland – beispielsweise Grossinsekten – heute vielerorts spärlich. Zudem verschwanden während der letzten Jahrzehnte weite Lebensräume durch Überbauung oder sie wurden durch Verkehrsachsen zerschnitten.

Greifvögel reagieren sehr empfindlich auf Umweltgifte und sind damit gute Gradmesser für die Umweltqualität. Wenn Giftstoffe in die Nahrungskette gelangen, dann reichern sie sich im Körper der Greifvögel an. Im Falle des Mäusebussards können sie im Vogelkörper 1000 Mal stärker konzentriert sein als in den Pflanzen.

1942 gelangte das Insektizid DDT auf den Markt. In der Schweiz wurde es vor allem gegen Maikäfer grossflächig angewendet. Die Anreicherung von DDT und dessen Abbauprodukten in Greifvögeln führte dazu, dass die Schalen der Eier brüchig wurden und unter dem brütenden Greifvogel zerbrachen. Ende der Siebzigerjahre betrug der dadurch bedingte Ausfall von Eiern bei Sperbern in der Schweiz schätzungsweise 20–30%. Wegen des DDT stand der Wanderfalke einige Zeit sogar kurz vor dem Aussterben. Zwar scheinen die Zeiten mit den höchsten Belastungen durch Umweltgifte vorbei zu sein. Doch in weiten Teilen Europas leiden der Rotmilan und andere Greifvögel noch immer unter dem Einsatz von Giften, beispielsweise für die Feldmausbekämpfung.

Forschen für den Greifvogelschutz
Greifvögel sind auch mit modernen Problemen konfrontiert, deren Ausmass noch weitgehend unbekannt ist. Sie gehören beispielsweise zu den häufigsten Opfern von Windenergieanlagen, weil sie mit Rotorblättern kollidieren. Wie stark sich solche Todesfälle auf Greifvogelpopulationen auswirken, untersuchte die Vogelwarte Sempach unlängst am Beispiel des Rotmilans. Die Analyse zeigt, dass eine Rotmilan-Population umso stärker beeinträchtigt wird, je gleichmäs­siger die Windräder in der Landschaft verteilt sind. Um den Einfluss von Windenergieanlagen auf Greifvögel möglichst gering zu halten, sollten Windräder also generell an so wenigen Standorten wie möglich aufgestellt werden.

In den letzten Jahren mehren sich die Hinweise, dass Steinadler vermehrt an Bleivergiftungen eingehen. Ursache können Fragmente von Bleimunition in Jagdwild sein, die in die Nahrungskette gelangen, wenn beschossene Tierkadaver oder Teile davon in der Natur belassen werden. Für grosse Greifvögel im Alpenraum, zu denen auch der Bartgeier gehört, bilden eingegangene Huftiere eine wichtige Nahrungsgrundlage. Schon kleine Bleimengen können zur Schwächung und zum Tod der Greifvögel führen. Um das Ausmass der Bleibelastung auf Greifvögel abschätzen zu können, lässt die Vogelwarte Sempach Organe von tot gefundenen Steinadlern auf Bleirückstände untersuchen.

Zwar beherbergt die Schweiz momentan über 1200 Rotmilan- und 300 Steinadler-Brutpaare und damit vitale und stabile Bestände. Doch gibt es laufend auch Ausfälle oder Brutverluste durch menschliche Störungen. Deshalb gilt es, Todesursachen, welche die Population schwächen könnten, im Auge zu behalten.

Grosse Vielfalt

Als Greifvögel werden aktuell zwei verschiedene Vogelgruppen bezeichnet. Entgegen früherer Annahmen sind die Falkenartigen nicht näher mit den übrigen Greifvögeln verwandt, die unter dem Begriff Habichtsartige zusammengefasst werden.

Weltweit gibt es 67 Falkenarten und 255 Arten von Habichtsartigen, die ausser der Antarktis alle grösseren Landmassen der Erde besiedeln. In Europa kommen 10 bzw. 29 Arten als Brutvögel vor. In der Schweiz brüten Wander-, Baum- und Turmfalke. Von den Habichtsartigen pflanzen sich bei uns Wespenbussard, Schwarzmilan, Rotmilan, Habicht, Sperber, Mäusebussard und Steinadler regelmässig fort. Nach seiner erfolgreichen Wiedereinbürgerung brütet auch der Bartgeier seit 2007 regelmässig in der Schweiz.

Mehr Informationen: http://www.vogelwarte.ch/voegel-der-schweiz.html

Fotos: shutterstock.com, fotolia.com

Quelle: Welt der Tiere

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