Homöopathie bei Haustieren – Möglichkeiten und Grenzen

Die Homöopathie kann nicht nur durch ihre Möglichkeiten und Grenzen charakterisiert werden. Sie hat weder mehr Möglichkeiten noch mehr Grenzen als andere medizinische Richtungen. Hingegen sind das System und die Denkweise der Homöopathie und damit verbunden auch die Begriffe «Gesundheit» und «Krankheit» nicht dieselben wie in der Schulmedizin. Homöopathie bedeutet grundsätzlich eine ganzheitliche Behandlung des Patienten.

Der wichtigste Unterschied ist, dass nicht die Krankheit, sondern das kranke Individuum behandelt wird. Krankheit im Sinn der Homöopathie ist jedes innere Hindernis, welches es dem Individuum verunmöglicht, seine Ziele gut und effizient zu erreichen. Damit ist sowohl die körperliche als auch die psychische Ebene gemeint. Als Beispiel kann man sich einen Jagdhund vorstellen, der z. B. durch eine Lahmheit behindert wird oder auf der anderen Ebene, weil er wasserscheu ist. Gesundheit ist die völlige Absenz aller störenden inneren Faktoren. Die Homöopathie versucht, diese Form von Gesundheit zu erreichen und bezieht deshalb das ganze Tier – sozusagen vom Schwanz bis hin zum Verhalten – in die Therapie mit ein. Innerhalb unseres Begriffs ist der wasserscheue Hund nicht weniger krank als derjenige mit Lahmheit. Nur mit diesem ganzheitlichen Ziel von Gesundheit vor Augen lässt sich Homöopathie betreiben. Deshalb werden alle Symptome vom Schwanz bis zum Verhalten bei der Fallaufnahme miteinbezogen. Interessanterweise verfolgt die moderne Gentherapie ähnliche ganzheitliche Ansätze.

Ähnlichkeitsprinzip

Homöopathisch arbeitende Tierärzte suchen also eine Arznei, die möglichst dem gesamten Tier entspricht. Diese verursacht bei Arzneimittelprüfungen Symptome, die denjenigen ähnlich sind, an denen der Erkrankte leidet. Vom Ähnlichkeitsprinzip profitiert hin und wieder auch die Schulmedizin: Der Fingerhut (Digitalis purpurea) verursacht bei Vergiftungen Herzprobleme. Synthetische Substanzen, die aus den Inhaltsstoffen von Digitalis entwickelt wurden, sind auch in der Schulmedizin bei Herzproblemen im Einsatz.

Kleinheit der Dosis

Um keine Vergiftungen hervorzurufen, werden homöopathische Arzneien verdünnt verabreicht. Die Verdünnungsstufen nennt man Potenzen (z.B. C 30, D 6).

Zusammenfassung

In der Homöopathie wird also nicht aufgrund von klinischen Indikationen eine Arznei verwendet, sondern aufgrund der Gesamtheit der Symptome des Patienten. Deshalb kann einerseits dieselbe Arznei bei völlig verschiedenen Krankheiten helfen, andererseits bei einer bestimmten Erkrankung nicht immer die gleiche Arznei verwendet werden.

In der Homöopathie kommen v. a. pflanzliche Wirkstoffe in hohen Potenzen zum Einsatz.

Die Möglichkeiten der Homöopathie

Neben der Verbesserung der wichtigsten Symptome werden wir auch andere Veränderungen beobachten. Wir sprachen zuvor von der Gesamtheit der Symptome. Nehmen wir an, ein imaginärer Patient zeige neben chronischem Durchfall noch folgende Eigenheiten: Warzen am After, Wasserscheu, Angst alleine zu sein, von Zeit zu Zeit Anlaufsschmerzen vorne rechts. Mit der richtig gewählten Arznei werden sich auch diese Zeichen und Symptome verändern. Es ist möglich, dass der Patient das erste Mal in seinem Leben in einen Bach geht, die Warzen abfallen, nicht mehr hinkt und gut alleine bleiben kann. Das heisst, dass unsere Arznei richtig war und sich die Gesundheit allgemein verbessert hat. Das alleinige Stoppen des Durchfalls bedeutet also in der Homöopathie nicht, dass automatisch ein gesünderer Zustand als vorher erreicht wurde. Nur wenn sich auch in der Totalität der Symptome eine bessere Verfassung manifestiert, haben wir das Individuum auf den Weg der Heilung gebracht. Andere Methoden wie die konventionelle Medizin setzen das Ziel, den Durchfall wegzubringen. Ist das geschehen, ist das Ziel bereits erreicht. In der Homöopathie dagegen versuchen wir den ganzen Patienten zu behandeln und zu heilen.

Ausgehend von der klinischen Diagnose, bieten sich für die Homöopathie folgende Anwendungsmöglichkeiten an: Krankheiten unklarer Ursache und/oder Diagnose. Eine schulmedizinische Diagnose ist zwar immer wünschbar. Ist die Abklärung aber zu aufwändig und teuer, kann dennoch eine homöopathische Therapie versucht werden.

Konkret bietet sich die Homöopathie bei den folgenden Zuständen als gute Therapiemethode an:

  • Autoimmunkrankheiten, Allergien
  • Infektionsanfälligkeiten, Infektionen (akut und chronisch)
  • Verhaltensstörungen (zusammen mit Verhaltensübungen)
  • Symptome bei chronischen abbauenden Krankheiten wie Katzenleukose
  • hormonelle Störungen
  • Verletzungen und ihre Folgen
  • Störungen durch Arzneimittel oder Impfungen
  • funktionelle Beschwerden wie Epilepsie, Neuralgie, Harnträufeln, Milchloslassen
  • degenerative Erkrankungen wie Hüftgelenksdysplasie, Bandscheibenvorfall, Spat oder Strahlbeinlahmheit
  • Stoffwechselkrankheiten wie Ketose
  • Reproduktionsmedizin (z. B. Sterilität, Abortneigung)
  • manchmal sonst nur chirurgisch lösbare Krankheiten wie habituelle Patellasehnenluxation (Kniescheibenverschiebung), Pyometra (eitrige Gebärmutterentzündung), Geburtsprobleme etc.

Folgerungen

Die Homöopathie ist eine faszinierende und höchst wirksame Therapieform. Ihre Anwendung verlangt allerdings nach gewissen Voraussetzungen (Spe­zialausbildung, Tierhaltung). Sind diese nicht gegeben, so sind andere Therapieformen vorzuziehen, auch wenn sie im Prinzip mit Nachteilen behaftet sind.

Die Grenzen der klassischen Homöopathie

Die Grenzen, bedingt durch das kranke Tier – ungenügende Lebenskraft

Es muss beachtet werden, dass die Patienten noch auf eine passend gewählte Arznei reagieren können. Ist die Lebenskraft jedoch zu schwach, so kann keine Heilung erfolgen. In solchen Endzuständen kann die Homöopathie Symptome lindern, mehr nicht.

Einige Beispiele für solche Zustände wären:

  • schwere Krankheiten wie FIP (ansteckende Bauchfellentzündung), neurologische Form der Staupe etc.
  • weit fortgeschrittene Erkrankungen bei Leukose, FIV (Immunschwächekrankheit) usw.
  • Flüssigkeitsverlust (eine Infusion ist hier die erste tierärztliche Pflicht)
  • irreversible Organschädigungen wie Netzhautatrophie (PRA), Atrophie (Gewebeschwund) der Pankreasinsel-zellen (Diabetes mellitus), schwere Nieren-, Leber- oder Herzschäden etc.
  • Endzustände allgemein
  • bösartige Tumoren

Mechanische Prozesse

  • Fremdkörper
  • Frakturen
  • Magendrehung (in ganz frühen Fällen kann versucht werden, eine Dosis Carbo vegetabilis zu verabreichen, trotzdem muss SOFORT ein Tierarzt aufgesucht werden.)
  • etc.

sind ganz klare Indikationen für die Chirurgie.

Grenzen, bedingt durch den Tierarzt

Es ist klar, dass kein Tierarzt je alle Patienten heilen kann. Die einen können Bandscheibenvorfälle operieren, andere nicht. Einige wissen die Diagnose Hyperthyreose (krankhafte Überfunktion der Schilddrüse) zu stellen, andere nicht. Die Universität Bern ist eher eine Spezialklinik für Neurologie; Zürich ist spezialisiert für hormonelle Erkrankungen. Genauso steht es auch mit der Homöopathie. Die eine Kollegin findet die richtige homöopathische Arznei bei einem Patienten, bei dem sich der Nachbarskollege erfolglos die Zähne ausgebissen hat, dafür hat dieser wiederum Erfolg bei einer Patientin seiner im ersten Fall erfolgreichen Kollegin.

Je nach Wissen und Erfahrung sind die Grenzen verschieden weit gesteckt. Wichtig ist das Beherrschen von:

  • Anamnesetechnik (Betrachtung des Patienten, Befragung der Besitzer)
  • richtige Bewertung der für die Behandlung relevanten Symptome
  • Kenntnis der Homöopathie, ihrer Methoden und Werkzeuge sowie der Arzneimittel

Ganz allgemein muss erwähnt werden, dass nur bis zu dem Zeitpunkt homöopathisch gearbeitet werden darf, an dem noch schulmedizinisch eingegriffen werden kann. Bei schweren Krankheiten wie Lungenentzündung, Abszessen, Appetitlosigkeit, Hirnhautentzündung, Pyometra, Ketose, Hufrehe, Mastitis wird man je nach Erfahrung einen homöopathischen Therapieversuch wagen oder eben nicht. Homöopathisch arbeitende Tierärzte müssen selbstkritisch genug sein, ihre Grenzen zu kennen.
Je mehr Erfahrung man hat, desto eher darf man sich auch an schwierige Krankheiten wagen. Im Zweifelsfall sind die Grenzen lieber zu eng als zu weit zu stecken (Haftpflicht, Kunstfehler). Auf der Homepage der camvet.ch sind diejenigen Tierärzte und Tierärztinnen aufgeführt, welche die Kunst der Homöopathie beherrschen.

Grenzen, bedingt durch die TierbesitzerInnen (Haltungsformen)

Es ist sicher einleuchtend, dass auch TierbesitzerInnen eine Grenze für die Homöopathie darstellen können. Da wir zum Finden einer richtigen Arznei auf viele Informationen angewiesen sind, müssen die TierhalterInnen ein Minimum an Beobachtungen und Informationen über ihr Tier bereithalten. Ohne Informationen, lediglich aufgrund unserer Beobachtungen, ist es meist unmöglich, eine gute Arznei, ausgewählt nach den Grundsätzen der Homöopathie, finden zu wollen. Wenn wir beispielsweise nur die Information Arthrose mit Einlaufschmerzen haben, können wir zwar Arzneien wie Zeel™ oder Rhus toxicodendron verschreiben, eine wirklich homöopathische Therapie aber ist unmöglich. Der Vorteil der Homöopathie, eine lang dauernde, ganzheitliche Besserung, wird so nicht zum Tragen kommen.

Es ist deshalb in der Massentierhaltung oft unmöglich, wirklich homöopathisch zu arbeiten. Hier ist das Ziel auch nicht die Gesundung des Individuums, sondern eine rationelle und gesunde (rückstandsfreie) Produktion von Lebensmitteln. Dies ist mit der Homöopathie im eigentlichen Sinne nicht erreichbar. Es bleibt die Option, homöopathische Arzneien anhand von Indikationen zu verschreiben. Dies kann Linderung verschaffen und bei kurz lebenden Tieren hilfreich sein. Eine wirklich homöopathische Heilung kann so aber nicht erwartet werden.

Ein weiterer Punkt, der ebenfalls eine Grenze für die Homöopathie darstellt, ist die Tierhaltung. Sind die Lebens­bedingungen der Tiere schlecht, d. h. absolut nicht artgerecht, so kann ein homöopathisches Medikament nur schwer und eingeschränkt wirken. Pferde, die bis auf eine Stunde täglich in der Boxe oder im Stand gehalten werden, Einzel- (teilweise auch mehrere) Katzen, die keinen Auslauf haben, Hunde die den ganzen Tag in der Wohnung bleiben müssen, Batteriehühner, Kastenschweine etc. reagieren auf ein homöopathisches Arzneimittel oft nicht oder nur beschränkt. Die Lebensumstände antidotieren die Arzneien.