Hundegeschirr oder Halsband

Einen Hund über Kraft zu führen ist möglich, aber unnötig. Die wahre Kunst liegt in der Feinheit. Ein Vierbeiner, der an lockerer Leine geht, macht den Spaziergang um einiges angenehmer und stressfreier. Und zieht – im wahrsten Sinne des Wortes – auch die Gesundheit von Mensch und Tier nicht in Mitleidenschaft.

Für den Hund ist das Gehen an lockerer Leine eines der schwierigsten Disziplinen im Hunde-ABC und verlangt vor allem dem jungen Hund sehr viel Konzentration ab. Damit der Halsbereich nicht zu sehr beansprucht wird, macht es Sinn, ein passendes Brustgeschirr zu verwenden, bis der Hund auch am Halsband ohne Zug laufen kann. Ob nun ein Halsband oder Hundegeschirr im Allgemeinen besser ist, lässt sich nicht pauschal beantworten und hängt auch immer vom Mensch-Hund-Team ab. Die Antwort liegt hier – wie so oft im Leben – irgendwo dazwischen.

Hunde, die ständig am Halsband ziehen, leiden fast immer an einer chronischen Entzündung der oberen Luftröhre und des Kehlkopfes.

Gesundheitliche Auswirkungen: Halsband vs. Brustgeschirr

Das Halsband

An der Halsregion befinden sich wichtige Organe. Durch ein Halsband wirken die Kräfte beim Ziehen auf eine kleine Fläche konzentriert ein. Dies führt zu Schäden an den Halsgefässen, am Kehlkopf, an der Luftröhre, an der Schilddrüse und am Bindegewebe, welches den gesamten Körper vernetzt. Nerven, Gefässe und Lymphbahnen werden vom Bindegewebe umhüllt. Wenn der unangenehme Reiz eine Spannungserhöhung bewirkt, kommt es zu einer Verschlechterung der Blutzirkulation und des Lymphenflusses, was zu Entzündungen führen kann. Hunde, die ständig am Halsband ziehen, leiden fast immer an einer chronischen Entzündung der oberen Luftröhre und des Kehlkopfes. Gefährdet ist auch der empfindliche Bereich des Zungenbeins, der über die Muskulatur mit dem Kehlkopf, Unterkiefer und dem Brustbein verbunden ist. Durch den Zug kann sich auch der Augendruck erhöhen, was für Hunde, die zu Glaukom und grauem Star neigen, fatale Folgen haben kann. Die empfindliche Halswirbelsäule wird beim Rucken seitlich beschleunigt, was zu Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen und Kopfschmerzen bis hin zum Schleudertrauma führen kann. Je dünner das Halsband ist, an welchem geruckt wird, desto schmerzvoller und gesundheitsschädigender wirkt es sich aus.

Auf was Sie bei einem Halsband achten sollten:

  • Das Halsband ist für den jeweiligen Hundehals nicht zu dünn und nicht zu breit: zu dünne Halsbänder schneiden ein und zu breite Halsbänder behindern den Hund in seiner Bewegungsfreiheit
  • Die Schnalle liegt an derselben Stelle wie der Anbindering: so wird verhindert, dass die Schnalle bei allfälligem Druck aufs Halsband auf den Kehlkopf des Hundes drückt
  • Zugstopphalsbänder haben einen Stopp und dürfen den Hund nicht würgen
  • Zwischen Halsband und Hundehals haben mindestens zwei Finger Platz

Das Hundegeschirr

Wichtigster Aspekt ist, dass sich der Hund im Brustgeschirr anatomisch richtig bewegen kann. Die Vordergliedmassen samt den Schulterblättern müssen ungehindert die natürliche Fortbewegung ausüben können. Brustgeschirre, welche die Schulterpartie umschliessen und somit einengen können oder daran herumschlottern, sind hinderlich bis schädigend gerade in der Wachstumsphase. Sie können Schäden am Skelett zur Folge haben. Schlecht sitzende Geschirre, die zu nahe am Vorderbein bei der Achsel schliessen, beeinträchtigen die Bewegung und können zu Fehlbelastungen führen und scheuern dazu unangenehm. Das individuell auf den Körper angepasste Brustgeschirr ist aus weichem, bequemem Material gefertigt, mit abgerundeten, an den Körper angepassten Schnallen. Es rutscht nicht, ist für die Wirbelsäule entlastend, bietet Geborgenheit, würgt nicht am Hals, drückt nicht auf das Brustbein und auf die Schulterblätter, schränkt den Bewegungsapparat (auch zwischen
den Vorderbeinen) nicht ein und scheuert nirgends. Damit ein bequemes Anlegen möglich ist, sollte das Geschirr an allen Enden zu öffnen sein. Die Länge sollte etwa Mitte Brustkorb enden. Ein perfekt sitzendes, gesundheitsschonendes Hundegeschirr ist niemals als «Erziehungsgeschirr» gekennzeichnet, welches den Hund durch oftmals dünne Schnurbänder in der Bewegung einschränkt und durch Zug Schmerzen oder sogar Schnittwunden verursacht.

Auf was Sie bei einem Hundegeschirr achten sollten:

  • Passt anatomisch auf den Hundekörper und der Hund kann sich frei bewegen
  • Zwickt, kneifft und drückt nicht
  • Hat rundum unterlegte Schnallen und einen unterlegten Anbinderinge
  • Liegt mindestens eine Handfläche von den Achselhöhlen entfernt am Körper
  • Geht nicht über die zwei letzten Rippenbögen hinaus
  • Ist so verstellbar, damit es optimal an den Hundekörper angepasst werden kann

Einfluss auf das Verhalten

Hunde lernen über Assoziation. Sie verknüpfen Situationen mit ihren dazu unwillentlich durchlebten Emotionen. Beispiel: Der junge Hund sieht einen Artgenossen auf der anderen Strassenseite und möchte zu ihm hin. Trägt er ein Halsband, wird ihm der Ruck des Hundeführers, der ihn von der Strasse fern halten möchte, Schmerzen verursachen. Der junge Hund empfindet dies als unangenehm. Passiert diese Situation in ähnlicher Form immer wieder, kann der Hund die Verknüpfung herstellen, dass andere Hunde in Sichtnähe Schmerzen verursachen. Er wird also schlechte Emotionen mit anderen Hunden in Verbindung bringen, wenn er an der Leine ist.
Trägt der junge Hund in der gleichen Situation ein richtig sitzendes Brustgeschirr, wird er wahrscheinlich durch das Zurückhalten seines Hundeführers Frustration empfinden, weil er nicht zum anderen Hund hin darf, erfährt aber keinen Schmerz bei dessen Anblick.
Hunde, die am Halsband ziehen oder gezogen werden, verändern stark ihre Körpersprache. Sie können so auf Artgenossen bedrohlich wirken.

Führung hat nichts mit Körperkraft zu tun.

Soziale Empfangsstation

Den Halsbereich des Hundes bezeichnen viele Kynologen als wichtige Empfangsstation
für soziale Zuwendung. Die Seiten des Halses dienen dem Kontakt mit Freunden in vertrauensvollem
Umgang. Als Bereich der Einordnung bezeichnet man Nacken und Kehle. Läuft der Hund am
Halsband, besteht die Gefahr, dass der Mensch ihm durch die Leine ständig falsche Informationen erteilt.

Auslandhunde

Viele Hunde, die aus dem Auslandstierschutz stammen, laufen an Halsband und Leine fast problemlos. Sieht man genauer hin, kann man oft feststellen, dass diese Tiere zwar sehr ruhig gehen, aber der ganze Körper angespannt ist. Meist liegt es an ihrer Angst. Begründet ist die Angst mit der
traumatischen Erfahrung, dass sie im Ursprungsland mittels Schlinge eingefangen wurden. Ein richtig sitzendes, geeignetes Brustgeschirr bietet diesen Hunden Sicherheit und Halt. Dies stärkt die Bereitschaft zur vertrauensvollen Bindung an den neuen Menschen.

Alte Hunde

Alte Hunde haben oftmals Gleichgewichtsstörungen oder gesundheitliche Beeinträchtigungen im Bewegungsapparat. Sie kippen beim Versäubern oder können Distanzen schlecht einschätzen. Ein bequem sitzendes Brustgeschirr mit Griff, mit dem der Hundehalter ihnen notfalls Sicherheit gibt, kann den Senioren eine wunderbare Hilfe sein und wird dankbar angenommen.

 

Gedanken zum Schluss

Eine Verhaltensforscherin, welche mit Dingo- und Wolfswelpen arbeitete, sagte vor langer Zeit: «Die Dingowelpen zeigen keine grossen Probleme am Halsband, bei den Wolfswelpen habe ich keine Chance, die bewegen sich nur am Geschirr.» Führung hat nichts mit Körperkraft zu tun. Den Hund am Brustgeschirr zu führen, ist zugegebenermassen anspruchsvoll, da man den Hund nicht durch Schmerzeinwirkung gefügig machen kann, sondern durch verständliche Kommunikation Führung beweisen muss.