Ist mein Hund hyperaktiv oder einfach ein Energiebündel?

Wenn Hunde als hyperaktiv beurteilt werden, geschieht das manchmal ziemlich voreilig. Der Griff zu ruhigstellenden Medikamenten geschieht schnell. Oft zu schnell. Anders ausgedrückt: Psychopharmaka haben in der Hundewelt längst Einzug gehalten. Klar, Medikamente können unter ganz spezifischen Umständen unterstützend wirken. Vorher gilt es jedoch, die elementaren Faktoren zu diesem komplexen Thema zu berücksichtigen. Denn ein energievoller Bello ist noch lange nicht hyperaktiv.

Unsere Hunde leben in einer für sie manchmal lebensfeindlichen Welt. Sie dürfen nicht mehr bellen, weil das die Ruhe der Menschen stört. Völlig normales Aggressionsverhalten, das zu jedem sozial lebenden Wesen dazu gehört, ist im Alltag unerwünscht. Und manche Hunde, die aufgrund ihrer rassespezifischen Merkmale vor einiger Zeit als zuverlässige Arbeiter geschätzt wurden, werden heute als Familienhunde gehalten. Von ihnen wird erwar­tet, dass sie ruhig, nett und möglichst unauffällig mit dem Menschen zusammenleben. Hunde sind anpassungs­fähig, sehr sogar. Aber es hat auch Grenzen.

So müssen sich heute Jagdhunde wie Weimaraner und Vizsla in enger städtischer Umgebung zurechtfinden. Schäferhunde, die aufgrund ihres hohen Energielevels, ihrer gewünscht hohen Reaktivität und ihrer Aufmerksamkeit für die dienstliche Arbeit geschätzt werden, müssen sich in der Wohnung ruhig verhalten. Und die wenigsten Menschen haben eigene Schafe, um der Haltung eines Hütehundes Sinn zu verleihen.

Nun, das alles ist halb so schlimm, wenn der Mensch bereit ist, dem Hund Alternativen, adäquate physische und geistige Beschäftigung zu geben. Zudem die notwendige Struktur und Führung, damit sich der Vier­beiner sicher fühlt. Viele Fälle von angeblicher Hyperaktivität sind in Tat und Wahrheit lediglich Hilfeschreie des Hundes, weil er sich nicht seinem Typus entsprechend ausleben kann und darf. Ein Energiebündel mit viel Lebensfreude und Tatendrang ist nicht hyperaktiv. Wenn jedoch ein Hund
nie zur Ruhe zu kommen scheint, auf die kleinsten Reize sehr stark reagiert, ständig unter Strom steht, sich kaum konzentrieren kann und starke Stress-Symptome zeigt, lohnt es sich, die nachfolgenden Punkte mal genauer anzuschauen. Denn eigentlich gibt es keine klare Definition der hundlichen Hyperaktivität.

Wird dem Hund der Rasse und dem Typus entsprechend körperliche und geistige Beschäftigung zuteil?

Was nicht ideal ist und die Tendenz zu Hyperaktivität sogar noch fördert, sind stupide monotone Ballwurfspiele sowie Aktivitäten, die stark hektische Bewegungen beinhalten. Besser sind Bewegungsformen, die kontinuierlich sind und den Hund in einen Rhythmus bringen, z. B. Joggen. Dabei ist das lockere Traben meist am besten. Auch Schwimmen eignet sich hervorragend. Suchen und das Gebrauchen der Nase ist bekannterweise sehr wichtig und fördert die Ruhe und Konzentration des Hundes. Kauen ist ebenso ein wichtiger Bestandteil. Hunde lieben es, sich lange mit einem Kauartikel zu beschäftigen.

Wird dem Hund die nötige Struktur gegeben?

Damit ist Führung, Stabilität und Konsequenz im Alltag gemeint. Ruhezeiten, in denen der Hund wirklich nicht gestört wird. Grenzen und eine klare Führung, die auf Respekt und unter keinen Umständen auf Gewalt beruhen sollen. Hat ein Hund tatsächlich Tendenz zur Hyperaktivität, so würde nervöses und grobes Verhalten die innere Hektik des Hundes nur
verstärken.

Genetik, frühe Erfahrungen – der Lebensrucksack des Hundes

Die Neigung zu Hyperaktivität ist stark genetisch veranlagt. Auch die sehr frühen Erfahrungen sind elementar für den Umgang mit äusseren Reizen im weiteren Lebensverlauf des Hundes. Bei Hyperaktivität geht es um Reizüberflutung, übermässige Impulsivität, oft gekoppelt mit mangelnder Impulskontrolle und einer gene­rellen Überempfindlichkeit und hoher Reaktivität. Hat ein Welpe Mankos, sei es, weil er reizarm aufwächst oder weil die Mutterhündin bereits mit viel Stress umgehen musste in der Tragezeit, dann kann sich das sehr negativ auf die weitere Entwicklung auswirken. Der Kontakt zur Mutterhündin, aber auch zu den  Wurfgeschwistern ist für die Stimulation enorm wichtig. Auch, dass der Hund Geborgenheit und Sicherheit erfährt, lernt, sich so­zial auszutauschen.

Die Beschäftigung mit einem Kauartikel kann dazu führen, dass sich der Hund längere Zeit darauf konzentriert und so zur Ruhe kommt.

Die Ernährung ist ein unbedingt zu beachtender Faktor

Es lohnt sich, als Unterstützung eine versierte Fachperson um Rat zu fragen. Wie bei uns Menschen geht es nicht nur darum, einfach den Magen zu füllen und den Hunger zu stillen. Die Inhaltsstoffe haben einen direkten Einfluss auf das physische und psychische Befinden sowie direkt auf die Hirnaktivität.

Medizinische Aspekte

Übererregtheit und Unruhe können ihren Ursprung in chronischen Schmerzen, Entzündungen oder organischen Problemen haben. Bei Verdacht auf Hyperaktivität ist ein medizinischer Check zwingend notwendig. Dabei sind der Bewegungsapparat, etwaige Verspannungen, Blutwerte (u. a. Schilddrüse) und Ohren im Speziellen zu beachten.

Natürliche Heilmittel und Homöopathie können zusätzlich unterstützen, auch Akupunktur ist empfehlenswert. Diese Ansätze haben den Vorteil, dass sie den Hund «als Ganzes» betrachten.

Die Gabe von Psychopharmaka ist nur in sehr enger Zusammenarbeit mit einem erfahrenen, kritischen Verhaltenstierarzt vertretbar. Sie helfen, die Symptome abzuschwächen und dem Hund (und vor allem dem Menschen) vorübergehend das Leben zu erleichtern. Bei starken Verhaltensauffällig­keiten aufgrund von Mankos in der frühen Lebensphase können Medikamente sicher ihr Gutes tun, vielleicht auch langfristig. Da ist die Einstellung respektive Dosierung enorm wichtig. Medikamente der neuen Generation sind nicht mehr einfach Beruhigungsmittel, die den Hund sozusagen lahmlegen, sondern sie wirken mit spezifischen Molekülen. Dennoch dürfen diese niemals als vermeintlich bequeme Lösung eingesetzt werden, losgelöst von einer Gesamtanalyse. Ein Hund muss und darf Hund sein